San Pedro de Tiquina/La Paz

Manchmal ist Angel Churata Yamani seinem Traum so nahe, dass er glaubt, ihn endlich eingeholt zu haben. Genau so, glaubt er, muss es sein. Die Gischt, das Salz auf seiner Haut, das Schreien der Möwen, vor allem aber eine Weite, so groß und ungeheuerlich, dass der Mensch ganz klein wird, sich langsam in ihr auflöst.

Ein paar Sekunden lang umarmt ihn das Gefühl, und er vergisst den See, der sanft sein Schiff schaukelt, vergisst das Schilfgras, das das Ufer wie fahles Fell bedeckt, vergisst sich selbst, den Matrosen ohne Meer.

Ein Matrose ohne Meer, das ist wie ein Seiltänzer ohne Seil. Immer fehlt etwas. Angel Churata Yamani sagt: "Es bleibt ein Ziehen im Herzen, das sagt: das Meer, das Meer, das Meer."

Seit drei Monaten dient Angel Churata Yamani in der bolivianischen Marine. San Pedro de Tiquina, Vierter Marinedistrikt, wichtigster Stützpunkt der bolivianischen Seestreitkräfte am Titicacasee, dem größten See Südamerikas. Schon seine Großväter, Neffen und Onkel, sein Vater und Bruder haben hier gedient, das Meer hat keiner von ihnen zu Gesicht bekommen. Tagsüber fährt Angel Churata Yamani auf einem Patrouillenboot über den See, nachts schaut er sich Bilder des Meeres im Internet an oder aber jene Karten, auf denen sich Bolivien noch an die Küste schmiegt.

"Das größte Verbrechen des 19. Jahrhunderts", donnert Fernando Enriquez Gamarra, Kapitän der Seestreitkräfte von San Pedro de Tiquina, von der Bühne herunter. Drunten nicken einige mit den Köpfen.

Sie kennen die Geschichte, jeder Bolivianer kennt sie. 1879 überrannten chilenische Soldaten den bolivianischen Hafen von Antofagasta, erbost darüber, dass Bolivien eine Steuer von zehn Centavos für jeden Zentner Salpeter, der im Küstengebiet abgebaut wurde, erheben wollte und damit gegen eine Abmachung der beiden Länder verstieß. Fünf Jahre lang beschossen und belagerten sie sich, es war ein ungleicher Kampf. Ein paar versprengte bolivianische Soldaten gegen eine gut gerüstete chilenische Armee. Am Ende des Pazifikkrieges hatte Bolivien sein Meer verloren, 400 Kilometer Küste.