An jedem 23. März, dem Tag des Meeres, trauert Bolivien um das verlorene Meer.

Das ganze Dorf Tiquina hat sich herausgeputzt. Die Männer tragen Hut, die Frauen glänzende Festtagsröcke, die Dorfschönheit hat sich die Wimpern mit blauer Mascara glasiert. Die Fischverkäuferinnen und Kioskbesitzer, die Gladiolenzüchter und Rentner warten auf ihren großen Moment. Gleich werden sie an der Statue des Helden vorüberschreiten, gemessen der Schritt, gesenkt das Haupt, feierlich wie die Matrosen, die, das Gewehr im Anschlag, breitschultrig die staubigen Gassen des Dorfes entlangmarschieren. Und die Kapelle spielt den Marsch dazu: "Lasst uns unsere Stimme erheben für unsere Küste, bald wird Bolivien es wieder erlangen, sein Meer, sein Meer."

Dutzende Male haben sie den Meeresmarsch gespielt, am Tag des Meeres.

Im Fernsehen und im Radio, vor allem aber an der Plaza Avaroa in La Paz. Wie ein Bandwurm zog sich die Parade durch die Straßen. Kadetten warfen ihr Bein im preußischen Stechschritt in die Luft, Mädchen flogen gleich Funkenmariechen über den Asphalt, vorbei am Präsidenten, der salbungsvoll lächelte, vorbei an der Urne des großen Helden Eduardo Avaroa, die sie wie jedes Jahr auf dem Platz aufgestellt hatten. Groß waren die Taten des Helden, nicht weil er siegte, sondern weil er ruhmreich unterging. " Es gibt Niederlagen, so glorreich wie der Sieg selbst", schreibt der bolivianische Historiker Eduardo Subieta. Avaroa war ein Freischärler, der ausgezogen war, die Brücke von Topáter zu verteidigen, eine unbedeutende Brücke im Hinterland.

Mit einer Handvoll Männern stand er gegen eine hundertfache chilenische Übermacht, bis er, an der Gurgel getroffen, niedersank, nicht ohne den Angreifern jenen Satz entgegenzuschleudern, der ihn ins Pantheon der höchsten Helden befördern sollte: "Mich ergeben? Soll sich doch deine Großmutter ergeben. Verdammt!" Ein unziemlicher Ausdruck, darauf weist Subieta sein Publikum vorsichtshalber hin, so "erhaben er aus dem Mund eines sterbenden Helden auch wirken möge".

Jedes Schulkind hat die Worte auswendig gelernt. Auch der kleine Fernando Enriquez Gamarra, und als sie damals im ganzen Land um Spenden baten, damit sich Bolivien sein erstes großes Schiff kaufen könne, da entschloss er sich, eines Tages zur Marine zu gehen.

Inzwischen ist er Kapitän der Seestreitkräfte von San Pedro de Tiquina, Kommandant über 100 Matrosen, eine Handvoll Kampftaucher, ein Lazarettschiff, zwei Katamarane und mehr als ein Dutzend Patrouillenboote. Der Kapitän sitzt im Offizierskasino, hinter ihm rollen Wellen heran, darauf stolz ein Segelschiff reitend, Sonne zerplatzt in Rot und Gelb und Rosa auf einem riesigen Wandgemälde. 700 bolivianische Matrosen, erzählt der Kapitän, warten auf den großen Moment. Wieder in See, in die eigene See stechen zu können. " Wir sind vorbereitet", sagt er. " Und wenn es morgen so weit sein sollte."