Drei Stunden habe ich Zeit, mich zu sammeln, so lange dauert der Flug von Berlin nach Athen. Ein bisschen fühle ich mich wie bei einem Blind Date – obwohl mir die Person, die ich besuchen werde, eine Zeit lang so nah war wie eine Schwester. Wir waren beste Freundinnen, damals in unseren Teenagerjahren, als Charlotte davon träumte, Künstlerin zu werden, und ich Romane schreiben wollte. Die Dinge entwickelten sich ein bisschen anders. Ich wurde Journalistin, sie wurde Nonne.

Jetzt besuche ich meine Freundin im Kloster, ein paar Tage werden wir gemeinsam verbringen, zum ersten Mal nach beinahe zwanzig Jahren. Ich bin nervös. Meine Freundin heißt jetzt Diodora, der Name ist mir fremd, ihr Leben auch. Sie ist Äbtissin. Früher wollten alle Mädchen sein wie sie. Unbeschwert, einfallsreich, lebensfroh. Und heute? Werde ich sie wiedererkennen und mich gleich zu ihr hingezogen fühlen, so wie damals, als sie neu in unsere Klasse kam und mit ihrem Seidenschal um den Hals so erwachsen wirkte? Werden wir uns verstehen? Werden wir unser Leben vergleichen und am Ende darüber urteilen, wem es besser gelingt?

Ich schaue aus dem Flugzeugfenster in undurchdringliches Weiß. Ich denke an meine Zwillinge, die jetzt fünf Jahre alt sind und fragen: Wo ist Gott? Sind die Nazis im Himmel? Kann das Christkind mal ein Foto von Gott machen? Oft weiß ich nicht, was ich antworten soll. Noch sind die Kinder nicht getauft. Als schwächelnde Protestantin, die schon immer wenig Bezug zur Kirche hat, schiebe ich das Thema seit der Geburt vor mir her. Theologisch ungebildet, fehlen mir Argumente. Ich empfinde eine diffuse Sehnsucht nach Spiritualität. Religiosität ist eine Leerstelle in meinem Alltag, das stört mich, doch ich kann sie mir nicht verordnen wie Rückengymnastik oder Klavierstunden oder was man noch so als Frau Anfang vierzig macht. Meine Reise, das ist die Hoffnung, soll Bewegung in die verfahrene Situation bringen. In welche Richtung auch immer.

Und ich will sehen, was einen Menschen so stark macht, dass er ohne Not komplett mit seinem alten Leben bricht. Will spüren, was meiner Freundin diese Gewissheit gibt, die sie über uns andere erhebt. Niemand sonst aus meinem Freundeskreis hatte einen vergleichbar drastischen Schritt gewagt. Die meisten sind genau das geworden, was bereits als Teenager in ihnen angelegt war: Der schlaue J. ging nach Washington zur Weltbank, der bequeme F. übernahm die Praxis seines Vaters, die umtriebige B. machte eine Medienkarriere. Niemand war ausgebrochen – allenfalls war mal einer Schauspieler statt Mediziner geworden oder schwul.

Ich trage feste Bergschuhe für meine Expedition in geistliches Gebiet und habe Schokolade als Gastgeschenk für die Nonnen im Gepäck. Meine Fantasie reicht nicht für etwas Bedeutungsvolleres, ich habe keine Ahnung mehr, worüber meine Freundin sich freuen könnte. Für Diodora habe ich außerdem ein Buch eingepackt, in dem Frauen porträtiert werden, die Mütter sind und Karriere machen. Das Buch ist mein Sicherheitsnetz: Das Reizthema meiner Generation könnte uns beide ins Gespräch bringen, sollte es mal stocken. Vor der Sprachlosigkeit habe ich am meisten Angst – davor, dass wir in höflichen Floskeln erstarren. Beim Packen habe ich darauf geachtet, genügend warme Sachen mitzunehmen. Im Kloster, fürchte ich, ist es kalt.

"Welch große Freude, nach so langer Zeit wieder von Dir zu hören. Ich freue mich, dass Du nach Griechenland kommen möchtest, und erwarte Dich so sehr. So wirst Du unser Leben hier mit Deinen eigenen Augen und Deinem Herzen erfahren", hatte Diodora auf meine E-Mail geantwortet, mit der das Projekt Wiedersehen begann. Kurz vor der Landung schreibe ich Fragen auf, die ich ihr stellen will. Hast du nie Probleme mit Gehorsam und Unterwerfung? Was vermisst du? Dann notiere ich in Stichpunkten, was mich selbst fernhält von der Kirche: Problem mit Autoritäten, Gefühl von Bevormundung und fehlender Individualität.

Es dauert nur Sekunden, bis meine Augen in der Ankunftshalle des Athener Flughafens Diodora finden. Ich erkenne sie sofort, obwohl ihre schlanke, hochgewachsene Gestalt komplett unter einer schwarzen Nonnentracht verborgen ist. Nur das Gesicht ist zu sehen, ihr leuchtender Teint, die großen braunen Augen und perfekten Zähne werden durch den eng anliegenden Schleier gerahmt wie eine Zeichnung durch ein Passepartout. Wir umarmen uns, ich will sie küssen und treffe unbeholfen ihren Schleier. Diodora lacht und sagt: "Schön, dass du endlich kommst, nach all den Jahren." Dann fahren wir nach Theben ins Kloster.