Meine Freundin, die Nonne

Drei Stunden habe ich Zeit, mich zu sammeln, so lange dauert der Flug von Berlin nach Athen. Ein bisschen fühle ich mich wie bei einem Blind Date – obwohl mir die Person, die ich besuchen werde, eine Zeit lang so nah war wie eine Schwester. Wir waren beste Freundinnen, damals in unseren Teenagerjahren, als Charlotte davon träumte, Künstlerin zu werden, und ich Romane schreiben wollte. Die Dinge entwickelten sich ein bisschen anders. Ich wurde Journalistin, sie wurde Nonne.

Jetzt besuche ich meine Freundin im Kloster, ein paar Tage werden wir gemeinsam verbringen, zum ersten Mal nach beinahe zwanzig Jahren. Ich bin nervös. Meine Freundin heißt jetzt Diodora, der Name ist mir fremd, ihr Leben auch. Sie ist Äbtissin. Früher wollten alle Mädchen sein wie sie. Unbeschwert, einfallsreich, lebensfroh. Und heute? Werde ich sie wiedererkennen und mich gleich zu ihr hingezogen fühlen, so wie damals, als sie neu in unsere Klasse kam und mit ihrem Seidenschal um den Hals so erwachsen wirkte? Werden wir uns verstehen? Werden wir unser Leben vergleichen und am Ende darüber urteilen, wem es besser gelingt?

Ich schaue aus dem Flugzeugfenster in undurchdringliches Weiß. Ich denke an meine Zwillinge, die jetzt fünf Jahre alt sind und fragen: Wo ist Gott? Sind die Nazis im Himmel? Kann das Christkind mal ein Foto von Gott machen? Oft weiß ich nicht, was ich antworten soll. Noch sind die Kinder nicht getauft. Als schwächelnde Protestantin, die schon immer wenig Bezug zur Kirche hat, schiebe ich das Thema seit der Geburt vor mir her. Theologisch ungebildet, fehlen mir Argumente. Ich empfinde eine diffuse Sehnsucht nach Spiritualität. Religiosität ist eine Leerstelle in meinem Alltag, das stört mich, doch ich kann sie mir nicht verordnen wie Rückengymnastik oder Klavierstunden oder was man noch so als Frau Anfang vierzig macht. Meine Reise, das ist die Hoffnung, soll Bewegung in die verfahrene Situation bringen. In welche Richtung auch immer.

Und ich will sehen, was einen Menschen so stark macht, dass er ohne Not komplett mit seinem alten Leben bricht. Will spüren, was meiner Freundin diese Gewissheit gibt, die sie über uns andere erhebt. Niemand sonst aus meinem Freundeskreis hatte einen vergleichbar drastischen Schritt gewagt. Die meisten sind genau das geworden, was bereits als Teenager in ihnen angelegt war: Der schlaue J. ging nach Washington zur Weltbank, der bequeme F. übernahm die Praxis seines Vaters, die umtriebige B. machte eine Medienkarriere. Niemand war ausgebrochen – allenfalls war mal einer Schauspieler statt Mediziner geworden oder schwul.

Ich trage feste Bergschuhe für meine Expedition in geistliches Gebiet und habe Schokolade als Gastgeschenk für die Nonnen im Gepäck. Meine Fantasie reicht nicht für etwas Bedeutungsvolleres, ich habe keine Ahnung mehr, worüber meine Freundin sich freuen könnte. Für Diodora habe ich außerdem ein Buch eingepackt, in dem Frauen porträtiert werden, die Mütter sind und Karriere machen. Das Buch ist mein Sicherheitsnetz: Das Reizthema meiner Generation könnte uns beide ins Gespräch bringen, sollte es mal stocken. Vor der Sprachlosigkeit habe ich am meisten Angst – davor, dass wir in höflichen Floskeln erstarren. Beim Packen habe ich darauf geachtet, genügend warme Sachen mitzunehmen. Im Kloster, fürchte ich, ist es kalt.

"Welch große Freude, nach so langer Zeit wieder von Dir zu hören. Ich freue mich, dass Du nach Griechenland kommen möchtest, und erwarte Dich so sehr. So wirst Du unser Leben hier mit Deinen eigenen Augen und Deinem Herzen erfahren", hatte Diodora auf meine E-Mail geantwortet, mit der das Projekt Wiedersehen begann. Kurz vor der Landung schreibe ich Fragen auf, die ich ihr stellen will. Hast du nie Probleme mit Gehorsam und Unterwerfung? Was vermisst du? Dann notiere ich in Stichpunkten, was mich selbst fernhält von der Kirche: Problem mit Autoritäten, Gefühl von Bevormundung und fehlender Individualität.

Es dauert nur Sekunden, bis meine Augen in der Ankunftshalle des Athener Flughafens Diodora finden. Ich erkenne sie sofort, obwohl ihre schlanke, hochgewachsene Gestalt komplett unter einer schwarzen Nonnentracht verborgen ist. Nur das Gesicht ist zu sehen, ihr leuchtender Teint, die großen braunen Augen und perfekten Zähne werden durch den eng anliegenden Schleier gerahmt wie eine Zeichnung durch ein Passepartout. Wir umarmen uns, ich will sie küssen und treffe unbeholfen ihren Schleier. Diodora lacht und sagt: "Schön, dass du endlich kommst, nach all den Jahren." Dann fahren wir nach Theben ins Kloster.

Meine Freundin, die Nonne

Charlotte und ich lernten uns Mitte der siebziger Jahre in der Schule kennen. Wir waren zehn Jahre alt und lebten in Homburg, einer kleinen Universitätsstadt im Saarland. Beide kamen wir aus nüchternen Wissenschaftlerfamilien, ihr Vater war Herzchirurg, meiner Neuroradiologe, unsere Mütter waren Hausfrauen. Wir wurden protestantisch erzogen, das heißt, wir gingen Weihnachten in die Kirche. Bei Charlotte wurde zudem vor dem Essen ein Gebet gesprochen, und abends vor dem Einschlafen betete der Vater mit jedem einzelnen seiner sechs Kinder am Bett.

Mit vierzehn besuchten wir zusammen den Konfirmandenunterricht, und in dieser Zeit gingen wir oft in die Kirche, wo wir hauptsächlich mit Lachanfällen kämpften: Eine schaute die andere an, und wir prusteten los. Der tiefere Sinn der Konfirmation blieb uns verborgen. Die Geschenke waren wichtig und was wir anziehen sollten an diesem Tag.

Nach der Schule fuhren wir oft Rollschuh vor der Universitäts-Anatomie. Manchmal gingen wir dort hinein, um schaudernd Embryonen zu betrachten, die in Gläsern konserviert wurden. Von ihren zwei älteren Brüdern erbte Charlotte perfekt eingetragene Jeans und frisierte Mofas. Morgens fuhr sie auf dem Mofa bei uns zu Hause vor, ich hielt mich an ihrer Schulter fest und ließ mich auf dem Fahrrad zur Schule ziehen.

Fünf Jahre lang waren wir unzertrennlich und einander genug. Wir ergänzten uns durch Gegensätze: Ich hatte Ideen, Charlotte führte sie aus. Ich war der tomboy, die Burschikose – sie war zart und voller Anmut. In mir glaubte der Sportlehrer ein Talent im Kugelstoßen zu erkennen, mit Charlotte studierte er eine Kür am Schwebebalken ein. Sie konnte meisterhaft tanzen, zeichnen, Ski fahren und hatte als Erste von uns einen Freund.

Dann entfernten wir uns. Ich ging die letzten Schuljahre auf ein Internat im Schwarzwald, sie bestand die Aufnahmeprüfung für ein Elite-College in Wales.

Nachdem sie dort ihren Abschluss gemacht hatte, reiste Charlotte durch die Welt, studierte ein paar Semester Kunstgeschichte und wurde Anfang 1986 an der Kunsthochschule in Berlin aufgenommen. Glücklich wurde sie dort nicht – sie blieb eine Außenseiterin unter den Studenten, die ihrer Einschätzung nach zu viel an Selbstdarstellung interessiert waren. Im Herbst 1986 brachte ein Arbeitsstipendium Charlotte einige Wochen nach Naxos. Sie wollte mit dem unter Bildhauern berühmten Marmor arbeiten, fühlte sich jedoch magisch angezogen von den vielen weiß getünchten Kirchen auf der Insel. Sie ahnte wohl, dass sie hier etwas außergewöhnlich Schönes finden könnte. In einer der Kirchen traf sie ihren Lebensmenschen.

"Nach meiner Reise nach Naxos haben alle in meiner Familie gespürt, dass mit mir etwas passiert ist. Aber ich konnte noch nicht darüber sprechen", sagt Diodora. Sie sitzt entspannt zurückgelehnt im Fahrersitz, die Hände fest am Steuer, Sonnenbrille und Cola Light in Reichweite. Es ist wie früher, wenn wir uns nach den großen Ferien wiedersahen. Wir sprudeln. Es dauert kaum eine Stunde, und schon sind wir beim Wesentlichen.

Meine Freundin, die Nonne

"Was hast du auf Naxos gefunden?", frage ich, und Diodora erzählt detailliert von ihrer Begegnung mit Geronda Dionysios, einem Priestermönch vom Heiligen Berg Athos, der sie im Vorhof einer Kirche ansprach. Später werde ich lesen, dass der Archimandrit Dionysios einer der ganz großen Weisen des orthodoxen Christentums ist. Er führt als Abt – das griechische Wort dafür ist Geronda, was der Ältere bedeutet – ein Kloster, das nicht weit vom Kloster Diodoras und ihrer sechzig Schwestern entfernt ist. Er wird auf der ganzen Welt zu Vorträgen eingeladen. Von überall her sind ihm Menschen gefolgt, die er zum Glauben inspiriert hat – seine "geistlichen Kinder". Ich werde ihn nicht kennenlernen, aber im Kloster etliche Fotos von ihm sehen. Er trägt die gleiche Tracht wie Diodora, hat einen langen krausen Bart, und seine Augen sind beeindruckend klar. Wenn die Nonnen von ihm sprechen, sagen sie "unser Geronda". Es klingt zärtlich.

"Er hat mir zwei Fragen gestellt", erinnert sich meine Freundin auf der Fahrt. "Erst wollte er wissen, wo ich herkomme. Und dann: 'Will you make your heart a church of Christ?'" Sie antwortete, ohne zu zögern, mit Ja.

Im Frühjahr 1988 zog Charlotte nach Athen, lernte Griechisch und studierte Theologie an der Universität. Parallel dazu beendete sie ihre Ausbildung an der Kunsthochschule in Berlin, wo sich ihr Professor auf eine Art Fernstudium eingelassen hatte. Inzwischen war der Entschluss, Nonne zu werden, gereift, und sie konnte offen darüber sprechen. Nach ihrer orthodoxen Taufe erklärte sie ihren Eltern den Übertritt zur Orthodoxie und ihre weiteren Pläne ausführlich in einem Brief. "Für die Eltern war es schwer", sagt Diodora auf unserer Autofahrt. "Ich habe versucht, ihnen zu erklären, dass ich sie nicht zurückweisen will, sondern dankbar bin für alles, was sie mir mitgegeben haben, und dass ich sie so lieb habe wie immer."

Als ich Charlottes Mutter kurz vor meiner Reise nach Griechenland anrief, erzählte sie mir, die Familie habe "deutlich gespürt, dass sie während ihres Kunststudiums auf Sinnsuche war. Der Entschluss, ins Kloster zu gehen, kam allerdings sehr überraschend. Ich war tief gekränkt, mir erschien der Schritt wie ein Vorwurf. Als hätten wir in der Erziehung etwas Wichtiges versäumt. Wir waren in Sorge, dass wir Charlotte für immer an eine Art Sekte verlieren würden. Ich bin norddeutsch und protestantisch, die Orthodoxie war mir schrecklich fremd." Ausgerechnet die Orthodoxie, dieser mystische Zweig des Christentums! "Charlotte ist das willensstärkste meiner sechs Kinder, unsere Versuche, sie zu beeinflussen, blieben fruchtlos."

Eine Zeit lang sträubten sich die Eltern noch gegen den neuen Namen, den Charlotte bei ihrer Taufe von der orthodoxen Kirche bekommen hatte. Die Mutter begann ihre Briefe ausweichend mit "Meine liebe Tochter" – bis ein energisches Schreiben aus Griechenland fragte, wann man denn, bitte schön, ihren Weg akzeptieren könne. "Ich wollte Frieden, vor allem wollte ich sie nicht verlieren, also bekam sie ihren Willen", sagt Charlottes Mutter. "Wir haben sie dann regelmäßig in Griechenland besucht, und sie hat sich immer rührend um uns gekümmert. Aber es war so ein fremdes Kümmern. Ich habe dort immer viel geweint. Erst seit sechs, sieben Jahren ist unser Umgang unverkrampft. Weil sie sich ganz sicher ist und nichts mehr verteidigen muss."

Als wir von der Landstraße abbiegen, leuchten in der Ferne die weißen Mauern des Klosters: Wie eine Trutzburg steht es ganz oben auf einem Bergrücken, Wohnhaus und Kirche gebaut im byzantinischen Stil. Die letzten Meter geht es einen steilen Feldweg hinauf. Kaum sind wir in den Hof gefahren, laufen von allen Seiten Nonnen herbei. Jede von ihnen beugt sich tief vor Diodora nieder, berührt mit der rechten Hand den Boden und küsst ihr dann die Hand. Eine nimmt ihr die Aktentasche ab, andere tragen unser Gepäck hinein. Alle diese Gesten werden mit selbstverständlicher Leichtigkeit ausgeführt, sie wirken nicht unterwürfig, sondern würdevoll und elegant.

Kein Zivilisationslärm dringt herauf, man hört nur das Rauschen des Windes in buschigen Fichten. Ein paar Wohncontainer am Rande des Grundstücks erinnern an die Zeit, als Diodora und ihre Glaubensschwestern auf dem Brachland eigenhändig Haus und Kirche gebaut hatten. 1994 hatte die Kirche das Land geschenkt bekommen und die Schwestern beauftragt, ein Kloster zu errichten. Damals gab es kein Wasser, keinen Strom, keine Heizung, kein Telefon, keine Müllentsorgung. Wasser wurde von einer Quelle herbeigeschleppt, ihre Mahlzeiten bereiteten die Schwestern auf Campingkochern, gegessen wurde bei Kerzenschein. Heute stehen Bänke unter den Bäumen im Klosterhof, Rosenstöcke blühen, und es riecht nach Rosmarin und Lavendel.

Meine Freundin, die Nonne

Wie jeder Mensch, der eine unpopuläre Entscheidung trifft, machte Charlotte sich Feinde. Um ihre Kräfte für den radikalen Schnitt zu bündeln, schottete sie sich von allen bisherigen Weggefährten ab. Viele verübelten ihr dieses Wegducken. Zum Beispiel Tatiana Brandrup, Regisseurin und Drehbuchautorin aus Berlin.

Tatiana und Charlotte hatten sich im College kennengelernt und waren so eng befreundet wie Charlotte und ich in der Schulzeit. Als ich Tatiana über Charlotte ausfragte, erzählte sie: "Unsere Freundschaft basierte auf dem Interesse für Kunst. Weil die Kunst sehr nah am Spirituellen ist, habe ich ihren Schritt zur Superreligiosität immer gut verstanden. Allerdings hat mich die Art, mit der sie ihren Weg gegangen ist, wütend und traurig gemacht." Sie sagt, es habe sie damals geschmerzt, ihre einst so selbstironische Freundin plötzlich rechthaberisch zu erleben: "Als Charlotte die Orthodoxie entdeckt hatte, gab es plötzlich keine Diskussionen mehr, sondern nur die Standardantwort 'Ich habe Gott gefunden'. Mir fehlte das Eingeständnis, dass sie auch mal zweifelte." Einen konkreten Anlass, der Welt den Rücken zu kehren – etwa eine unglückliche Liebe –, habe es nicht gegeben, sagt Tatiana.

Einmal noch sah ich Charlotte flüchtig in Berlin. Das war Anfang 1991, sie kam zur Abschlussprüfung an die Akademie und bestand sie mit Auszeichnung. Ihre Arbeit aus weißem naxischem Marmor war mit den Arbeiten der übrigen Absolventen im Foyer der Akademie ausgestellt. Charlottes Kunstwerk wirkte fremd und irgendwie zu freundlich zwischen den grellen Video-Installationen ihrer Kommilitonen, so fremd wie Charlotte in ihrem langen schwarzen Rock.

Wir schrieben uns Briefe, doch wir erreichten uns nicht. Ich fand ihre Sprache formelhaft und kitschig, ihre von religiöser Symbolik durchtränkten Schilderungen befremdlich. Als redete sie sich selbst in Ekstase, um uns, die Ungläubigen, zu überzeugen und gleichzeitig ihre eigene Unsicherheit niederzukämpfen. Erst viel später begriff ich, dass sie damals mittendrin im Prozess ihrer Transformation steckte. Die blumige Sprache war ihr Panzer.

Als junge Journalistin machte ich den Versuch zu verstehen, indem ich stellvertretend für Charlotte eine deutsche Nonne interviewte. Einen halben Nachmittag lang sprach ich im Garten eines süddeutschen Benediktinerinnenklosters mit einer jungen Schwester und war am Ende ratloser als zuvor. Es war ein Missverständnis. Ich hatte meine schöne, begabte, temperamentvolle Charlotte gesucht und stattdessen eine blasse, unsichere Frau gefunden, bei der "etwas ins Schwingen gerät", wenn sie an Gott denkt. Das überzeugte mich wenig.

Ich stehe im Haupthaus von Diodoras Kloster und suche nach ihrer Handschrift bei der Gestaltung. Vergebens. Nichts von dem kleinbürgerlichen Stil – Möbel aus dunkler Eiche, gehäkelte Spitzendeckchen und Bonbonschalen auf Tischen und Kommoden, bestickte Sofakissen – erinnert an meine alte Freundin. Eine Standuhr tickt, und an den Wänden hängen Ikonen und viele gerahmte Fotos von Geistlichen. Ein Bild zeigt Diodora, wie sie am Tag ihrer Inthronisierung als Äbtissin hoch konzentriert in festlicher Tracht durch den Klosterhof zur Kirche läuft.

Mit nur 31 Jahren hat sie 1995 das Gelübde abgelegt und als Äbtissin den Titel Gerondissa, wörtlich "die Ältere", bekommen – erstaunlich schnell für jemanden, der sieben Jahre zuvor noch als Protestantin mit ganz anderen Idealen lebte. Inzwischen betreibt sie mit ihren insgesamt etwa vierzig Schwestern drei weitere Klöster – eines davon in Mexiko, die anderen beiden rund 200 Kilometer von Theben entfernt. Diodora steht als geistliche Mutter über allen vier Klöstern. Ihre Gemeinschaft ist weit über Thebens Grenzen hinaus bekannt. Die Schwestern kommen aus 15 verschiedenen Ländern, viele haben einen Hochschulabschluss. Die hohen Ansprüche passen ins ursprüngliche Bild meiner Freundin und erleichtern die Begegnung. Meine alte Bewunderung für sie hatte gelitten, als sie Nonne wurde. Ich hatte gefürchtet, sie bleibe unter ihren Möglichkeiten. Nun stelle ich erleichtert fest: Nach weltlichem Maßstab ist Gerondissa Diodora eine Karrierefrau.

Meine Freundin, die Nonne

Am Abend servieren uns zwei Schwestern gebratenen Fisch, Erbsen und Kartoffeln, zum Nachtisch Obst. Obst und Gemüse holen die Nonnen freitags auf dem Markt – sie füllen einen Lieferwagen mit Resten, die ansonsten weggeschmissen würden. Manchmal bringen Leute aus dem Dorf Olivenöl, Brot oder Fleisch. Geld ist knapp und muss selbst erwirtschaftet werden, es gibt keine Kirchensteuer in Griechenland.

Wir trinken Wasser und süßen Wein, den eine der Schwestern selbst gekeltert hat. Die Standuhr tickt. Diodora und ich spulen im Schnelldurchlauf durch die vergangenen zwanzig Jahre – wer macht was, wie ist es wem ergangen? Als ich von einem tragischen Unfall in einer Familie, die wir beide kennen, erzähle, bekreuzigt sie sich. Ich spüre ihre große Herzlichkeit und Wärme, aber mein Misstrauen bleibt. Das habe ich aus Berlin mitgebracht, wo ich mich zur Vorbereitung mit Argumenten gegen das Klosterleben munitioniert hatte. Frauen mit feministischen Ansprüchen – wie Charlotte noch eine war, als sie sich während ihrer Zeit an der Kunstakademie für Frauenrechte engagierte – sind in der orthodoxen Kirche wie in der katholischen fehl am Platz: Nur Männer bekommen die Priesterweihe und dürfen die Beichte abnehmen, nur Männer können zu Kirchenoberhäuptern gewählt werden.

Diodora lacht verächtlich, als ich sie damit konfrontiere. "Klar, wir Nonnen können nicht das machen, was der Bischof macht. Aber interessiert uns das? Mich interessiert das, was Bischöfe nicht können in ihrer sehr weltlichen Position: mit Menschen zu arbeiten. Hätte ich eine Verwaltungskarriere machen wollen, wäre ich Ministerin in der Regierung geworden. Ich habe aber bewusst das geistliche Leben gewählt. Und Klöster sind die intensivste und kompromissloseste Form geistlichen Lebens." Das vermeintlich Unterwürfige, versinnbildlicht im Handkuss, erklärt sie so: "Gehorsam hat draußen, in der westlichen Welt, einen sehr negativen Beigeschmack bekommen. Man hat Schwierigkeiten, jemand anderem seine Ehre zu erweisen. Der Handkuss ist eine Form, respektvoll miteinander umzugehen. Ich genieße das sehr, durch bestimmte Rituale Respekt zeigen zu können."

Ich fühle mich hilflos, weil mir diese Rituale nicht vertraut sind, und als wir uns für die Nacht verabschieden, frage ich: "Kann ich was falsch machen? Ich will niemanden verletzen." Diodora stutzt, dann lacht sie und sagt: "Keine Sorge, das würde ich dir sagen." Wenig später liege ich, begraben unter drei Decken, in meinem schmalen Bett und kann nicht schlafen – obwohl ich die Ruhe und Isolation des Klosters als Gegenpol zu meinem überreizten Großstadtleben sehnsüchtig erwartet hatte, fühle ich mich plötzlich abgeschiedener, als mir lieb ist. Ich ahne, wie einsam man hier sein kann. Und dass es lange dauert, bis man tatsächlich angekommen ist.

Am nächsten Morgen wird – mit Rücksicht auf den Gast aus Deutschland eine halbe Stunde später als gewöhnlich – um halb sieben im Klosterhof der Gong geschlagen. Es ist noch dunkel, als sich die Schwestern in der Kirche versammeln. Diodora erkenne ich an ihren langen Schritten und am Schwung, mit dem der Stoff der Tracht gegen ihre Beine schlägt. "You sleep well?", flüstert freundlich eine griechische Schwester, als ich mir verschlafen im Kerzenlicht einen Platz suche. Während eineinhalb Stunden lang gemeinsam Gebete gesprochen und gesungen werden, zieht langsam Tageslicht ein.

Ich erinnere mich an meinen letzten Besuch bei Charlotte in Berlin. Es muss im November 1987 gewesen sein, sie wirkte ernst und verschlossen. Sie war gerade aus Naxos zurückgekommen, das war kein Thema zwischen uns, aber es arbeitete offenkundig in ihr. Sie schlug vor, in eine orthodoxe Kirche am Hohenzollerndamm zu gehen. Zwei Stunden dauerte die Liturgie, ich fand keinen Zugang und ging schon nach kurzer Zeit gelangweilt wieder raus, doch Charlotte folgte dem Gottesdienst von Anfang bis Ende stehend, sie wirkte wie in Trance. Später fuhr sie mit mir nach München, um ihre Schwester zu besuchen, die dort wohnt. Der Kofferraum meines Autos war voller Kisten und Taschen, alles Sachen, die Charlotte aussortiert hatte und verschenkte. Es war der Anfang ihres asketischen Lebens, aber niemand verstand die Gründe. Ihre Schwester fragte damals erstaunt: "Warum denn der schöne Pullover? Den hat Mutter dir doch erst vor Kurzem geschenkt."

Obwohl sich Gerondissa Diodora und ihre Schwestern während des langen Gottesdienstes physisch verausgaben, wirken sie am Ende gestärkt. Vier bis fünf Stunden lang, verteilt auf drei feste Termine am Tag, beten die Nonnen gemeinsam, und es scheint, als sammelten sie in diesen Stunden konzentrierter Meditation Kraft für den harten Alltag. Tagsüber sind die Frauen kaum zu sehen, es gibt viel zu tun in diesem großen Haushalt. Einige arbeiten in der Nähwerkstatt an kirchlichen Gewändern, deren Verkauf eine wichtige Einnahmequelle für das Kloster ist. Andere betreuen Kranke in den Städten. Viele der jüngeren Schwestern studieren. Fernsehen, Kino oder andere Formen der Zerstreuung gibt es nicht. Die Nonnen blenden alles aus, was sie von der Hingabe für andere Menschen und damit indirekt von der Vereinigung mit Gott ablenken könnte.

Meine Freundin, die Nonne

Gleichwohl scheint die strenge Disziplin nie ins Unmenschliche umzuschlagen. Einmal, als ich im Kloster die falsche Tür öffne und in der Zelle einer Schwester lande, sehe ich die Nonne in ihrer Tracht auf dem Bett liegen. Es ist acht Uhr morgens, und sie macht ein Nickerchen.

"Gibt es gar nichts, was du vermisst?", frage ich Diodora beim Spaziergang über die menschenleeren Hügel, die das Kloster umgeben. "Schwimmen!", sagt sie spontan und schränkt sofort wieder ein: "Vor ein paar Jahren war ich krank, eine Schwäche des Immunsystems. Schwimmen hätte mir gut getan, und in diesem Fall hätte nichts dagegen gesprochen. Aber ich fand es schön, darauf zu verzichten."

Durch extreme Disziplin und Askese, das hatte ich gelesen, versuchen die Nonnen über sich selbst hinauszuwachsen und so innere Freiheit zu erlangen. Dass in der Praxis auch das Klosterleben nicht frei von Eifersüchteleien und Spannungen ist, zeigen die zahllosen Anrufe, die von frühmorgens bis spätabends auf Diodoras Handy eingehen. Meist auf Griechisch, gelegentlich auch Englisch spricht sie mit den Anrufern. Ihre helle Stimme klingt sehr entschieden, manchmal streng, niemals barsch. "Warum hast du das getan?"; "Meinst du wirklich, dass das nötig ist?"; "Das war nicht besonders sozial von dir." Sie ist der Boss, sie moderiert Konflikte und motiviert bei Durchhängern, fördert und fordert. Findet tröstende Worte, als die Nachricht kommt, in der Nacht sei die Mutter einer Schwester gestorben. Liebevoll neckt sie eine schwerhörige 94-jährige Nonne vor einer gemeinsamen Autofahrt: "Willst du fahren, oder soll ich?"

Diodora ist Managerin und Mutter einer Großfamilie. Letzteres, sagt sie, habe sie sich gut vorstellen können, bevor sie sich für ihr geistliches Leben entschied. Als ich sie auf M. anspreche, ihre große Jugendliebe, wird sie einsilbig: "Aber das war doch nur eine kindliche, unschuldige Liebe!"

Wir laufen einen Hügel hinauf zum Kloster. Gelegentlich hallt in der Ferne ein Schuss. Es wird Jagd auf Vögel gemacht, eine Delikatesse in Griechenland. "Warum also bist du Nonne geworden und nicht Mutter von sechs Kindern?", frage ich. "Weil ich meinem Leben einen Sinn geben will, der auch mit der Ewigkeit zu tun hat. Unsere Vorbilder sind Engel. Sex ist kein Wert für uns, wir bekommen stattdessen so viel anderes. Geschlechtlichkeit ist mit der Intensität der reinen, göttlichen Liebe, wie wir sie erleben, unvereinbar."

"Hast du deinen Schritt jemals bereut?" Diodora schüttelt energisch den Kopf. "Zweifel hatte ich nie. Aber es gab Schwierigkeiten, das schon."
"Was ist zum Beispiel schwierig?"
"Der Kampf mit mir selbst. Man muss sich erst von allem entfernen, um sich dann wieder annähern zu können. Das Band zur Familie durchschneiden, um frei zu sein. Ich bin jetzt nicht mehr in erster Linie die Tochter meiner Mutter."

Diodora antwortet klar und direkt auf alle Fragen. Warum die Orthodoxie? "Weil ich hier die christlichen Grundwerte in viel intensiverer Form gefunden habe. Alles andere ist wie verdünnter Wein." Dass das Klosterleben extrem hart sein würde, hatte meine Freundin schon geahnt, als sie die langen Fastenzeiten noch nicht kannte, bei denen die Orthodoxen zeitweise sogar darauf verzichten, Wasser zu trinken; als sie die seelischen Durststrecken, die Mönche und Nonnen auf dem Weg zur Erleuchtung durchlaufen, nur erahnte. Damals, bei ihrer ersten Begegnung auf Naxos, hatte Diodora Vater Dionysios gefragt, ob es nicht schwierig sei, ihr Herz so weit zu öffnen, wie ein solches Leben es verlange. Statt einer Antwort wies er ihr den Weg zu einem großen Frauenkloster im Norden Griechenlands.

Meine Freundin, die Nonne

Dort lernte sie Schwester Aemiliani kennen, eine Amerikanerin, die ebenfalls zu den Gründungsschwestern des Thebener Klosters gehört. Schwester Aemiliani hieß einmal Melanie Hanson und promovierte in Harvard über Entwicklungspsychologie. Sie ist eine dynamische Frau, die mir mit robuster Herzlichkeit begegnet, als Diodora uns einander vorstellt. "Das ist eine von uns", habe sie gewusst, als sie Diodora vor zwanzig Jahren zum ersten Mal sah, sagt Schwester Aemiliani. Skeptisch sei das Mädchen gewesen und voller Argwohn gegenüber der "Militärbasis", mit der es das rigide Klosterleben verglich. "Unsere Gerondissa hat eine sehr männliche Art zu denken – aus entwicklungspsychologischer Sicht. Sie ist sehr analytisch und hält nichts für selbstverständlich. Alles wird kritisch hinterfragt. Sie führt keine Anweisungen aus, sondern handelt immer aus Überzeugung."

Zum Beispiel, als Geronda Dionysios meiner Freundin vor ein paar Jahren vorschlug, sie solle Jura studieren. Zunächst sagte sie Nein – weil sie sich nicht dafür interessiere. Dann telefonierte sie mit ihrem Bruder, einem Rechtsanwalt, und fand am Ende, dass Religion und die Wissenschaft der Gerechtigkeit gar nicht so weit auseinanderliegen. Letztes Jahr hat sie ihr Jura-Examen abgelegt und ist jetzt nebenbei die Hausjuristin der Klöster. Offenbar wird Diodora ähnlich stark herausgefordert, wie sie selbst ihre Schwestern fordert. Gute Führung.

"Ist dein Mann eigentlich religiös?", fragt Diodora unvermittelt am dritten Tag meines Besuches. Wir fahren auf der Autobahn von einem Kloster ins andere, draußen ist es dunkel, auf der Rückbank schläft eine Nonne. Die Rollen werden getauscht, jetzt stellt Diodora die Fragen. Ich erzähle von Umwegen, die ich gemacht habe, vom Gefühl, alles haben zu können, aber nicht zu wissen, was ich will. Von meiner ersten Ehe und ihrem Scheitern schon kurze Zeit nach der pompösen Hochzeit in einem brandenburgischen Schloss. Auch ich lernte mit der Trennung, eine unpopuläre Entscheidung durchzukämpfen, auch ich schottete mich instinktiv ab. Diodora nickt gelegentlich, und ich spüre, dass sie alles versteht. Da ist sie also, die alte Nähe und Vertrautheit. Ich staune, wie stark sich unsere Leben berühren, obwohl sie so unterschiedlich sind.

Am Abend zeigt mir Diodora ihre Zelle. Es ist sehr spät geworden, und wir haben nicht viel Zeit. Ich bin schnell wieder draußen und nehme den flüchtigen Eindruck einer Studentenbude mit, in der Regale voller Bücher und Ordner stehen, Schränke, Bett und Schreibtisch. Ein großes Foto von Geronda Dionysios hängt an der Wand. Irgendwo in den Schränken lagern Tagebücher und Fotos von früher, es ist das Einzige, was sie mit herübernahm, als sie Novizin wurde. Die Atmosphäre im Zimmer ist klamm, ich fühle mich aufdringlich – die Intimität der Zellen ist das Einzige, was den Schwestern allein gehört. Wir verabschieden uns mit einer Umarmung. Von meinem Zimmer aus sehe ich, dass bei ihr noch lange Licht brennt.

Der letzte Tag meines Besuchs beginnt. Ein Priester kommt ins Kloster, um die Liturgie zu feiern. Da steht er in seinem prächtigen Mantel vor der Ikonenwand einer winzigen Kapelle. Ein Gasofen verströmt bullerige Wärme, Kerzen brennen, Öllampen flackern, es riecht nach Weihrauch. Eine Handvoll Schwestern singt ununterbrochen, ich verstehe es nicht, aber ich finde es betörend schön. Zwei Stunden lang stemmt sich die Protestantin in mir gegen den Rausch der Sinne in dieser geheimnisvollen, dunklen, überheizten orthodoxen Höhle. Am Ende bin ich erschöpft und fassungslos. Eine alte Nonne erhebt sich und bietet einer sehr alten Nonne ihren Sitzplatz an, doch die winkt ab und tätschelt ihr die Wange, als wolle sie sagen, lass mal, du hast es nötiger. Die Bugwelle an Herzenswärme, die diese Frauen vor sich hertragen, denke ich, ist die beste Antwort auf meine vielen Fragen.

Am Abend fahren Diodora und ich nach Thessaloniki. Dort feiert ein Freund des Klosters eine Geschäftseröffnung. "Du wirst viel über Griechenland lernen", prophezeit mir meine Freundin, "die Kirche ist hier viel dichter am Alltag der Menschen dran als im Westen." Der Freund beispielsweise schenke dem Kloster regelmäßig Computer, und nun weihe der Bischof die neue Geschäftsfiliale. Diodora donnert über die Autobahn, das Handy abwechselnd am Ohr und griffbereit im Schoß.

Als wir unser Ziel erreichen, drängen sich in dem neuen Elektronik-Kaufhaus Hunderte geladener Gäste. Gerondissa Diodora bückt sich und küsst dem Bischof die Hand, der Bischof berührt mit der Hand sein Herz. Dann verschwindet meine Freundin in der Menge, und der Geistliche weiht ein Schälchen mit Wasser, das er über die Menschen spritzt. Drinnen spielt eine Frauen-Combo in Hotpants und Stretch-Bustiers auf elektronischen Geigen, während ein Partyservice Fingerfood anbietet. Diodora macht Small Talk mit dem Landrat und steckt seine Visitenkarte ein. Dann tippt sie gedankenverloren eine SMS in ihr Handy, und wie sie da so steht in ihrer bodenlangen schwarzen Tracht, deren Farbe Symbol ist für den Tod und die Abkehr von dieser Welt, ist sie mir so nah wie damals, als ich morgens vor der Schule auf das Stottern ihres Mofas wartete.

Meine Freundin, die Nonne

Es sind Szenen wie diese, die nun, Wochen später, das Bild meiner Freundin bestimmen. Einiges in ihrem Leben bleibt ungeklärt – für Religiosität gibt es keine rationale Erklärung –, aber noch heute spüre ich die magische Kraft, die sie aus dem übergeordneten Großen bezieht, auf das sie sich beruft. Meine Sinne sind generalüberholt, ich fühle mich leicht. Die alte Arbeitsteilung aus Kindertagen funktioniert noch immer: Sie ist für das Praktische zuständig, ich für die Theorie. Sie betet, ich denke darüber nach. Meine Kinder spielen neuerdings ein Rollenspiel, das sie "Ein deutscher Mann" nennen. Im Mittelpunkt steht eine Christus-Postkarte, die mir die Nonnen als Geschenk mitgegeben haben. Es ist noch nicht ganz die Spiritualität, die ich mir erhoffe, aber es ist ein Anfang.

Gerondissa Diodora wurde 1964 als Charlotte Stapenhorst geboren und ging in Homburg auf dieselbe Schule wie ZEITmagazin-Redakteurin Ilka Piepgras. Charlotte Stapenhorst studierte Kunst und Theologie und legte 1994 ihr Gelübde als Ordensschwester in einem orthodoxen Kloster in Griechenland ab. Heute steht sie vier Klöstern vor.

Was erwartet eine Frau beim Eintritt ins Kloster? ZEIT online fragte eine Benediktinerin, die in Tutzing Novizinnen ausbildet