Wie jeder Mensch, der eine unpopuläre Entscheidung trifft, machte Charlotte sich Feinde. Um ihre Kräfte für den radikalen Schnitt zu bündeln, schottete sie sich von allen bisherigen Weggefährten ab. Viele verübelten ihr dieses Wegducken. Zum Beispiel Tatiana Brandrup, Regisseurin und Drehbuchautorin aus Berlin.

Tatiana und Charlotte hatten sich im College kennengelernt und waren so eng befreundet wie Charlotte und ich in der Schulzeit. Als ich Tatiana über Charlotte ausfragte, erzählte sie: "Unsere Freundschaft basierte auf dem Interesse für Kunst. Weil die Kunst sehr nah am Spirituellen ist, habe ich ihren Schritt zur Superreligiosität immer gut verstanden. Allerdings hat mich die Art, mit der sie ihren Weg gegangen ist, wütend und traurig gemacht." Sie sagt, es habe sie damals geschmerzt, ihre einst so selbstironische Freundin plötzlich rechthaberisch zu erleben: "Als Charlotte die Orthodoxie entdeckt hatte, gab es plötzlich keine Diskussionen mehr, sondern nur die Standardantwort 'Ich habe Gott gefunden'. Mir fehlte das Eingeständnis, dass sie auch mal zweifelte." Einen konkreten Anlass, der Welt den Rücken zu kehren – etwa eine unglückliche Liebe –, habe es nicht gegeben, sagt Tatiana.

Einmal noch sah ich Charlotte flüchtig in Berlin. Das war Anfang 1991, sie kam zur Abschlussprüfung an die Akademie und bestand sie mit Auszeichnung. Ihre Arbeit aus weißem naxischem Marmor war mit den Arbeiten der übrigen Absolventen im Foyer der Akademie ausgestellt. Charlottes Kunstwerk wirkte fremd und irgendwie zu freundlich zwischen den grellen Video-Installationen ihrer Kommilitonen, so fremd wie Charlotte in ihrem langen schwarzen Rock.

Wir schrieben uns Briefe, doch wir erreichten uns nicht. Ich fand ihre Sprache formelhaft und kitschig, ihre von religiöser Symbolik durchtränkten Schilderungen befremdlich. Als redete sie sich selbst in Ekstase, um uns, die Ungläubigen, zu überzeugen und gleichzeitig ihre eigene Unsicherheit niederzukämpfen. Erst viel später begriff ich, dass sie damals mittendrin im Prozess ihrer Transformation steckte. Die blumige Sprache war ihr Panzer.

Als junge Journalistin machte ich den Versuch zu verstehen, indem ich stellvertretend für Charlotte eine deutsche Nonne interviewte. Einen halben Nachmittag lang sprach ich im Garten eines süddeutschen Benediktinerinnenklosters mit einer jungen Schwester und war am Ende ratloser als zuvor. Es war ein Missverständnis. Ich hatte meine schöne, begabte, temperamentvolle Charlotte gesucht und stattdessen eine blasse, unsichere Frau gefunden, bei der "etwas ins Schwingen gerät", wenn sie an Gott denkt. Das überzeugte mich wenig.

Ich stehe im Haupthaus von Diodoras Kloster und suche nach ihrer Handschrift bei der Gestaltung. Vergebens. Nichts von dem kleinbürgerlichen Stil – Möbel aus dunkler Eiche, gehäkelte Spitzendeckchen und Bonbonschalen auf Tischen und Kommoden, bestickte Sofakissen – erinnert an meine alte Freundin. Eine Standuhr tickt, und an den Wänden hängen Ikonen und viele gerahmte Fotos von Geistlichen. Ein Bild zeigt Diodora, wie sie am Tag ihrer Inthronisierung als Äbtissin hoch konzentriert in festlicher Tracht durch den Klosterhof zur Kirche läuft.

Mit nur 31 Jahren hat sie 1995 das Gelübde abgelegt und als Äbtissin den Titel Gerondissa, wörtlich "die Ältere", bekommen – erstaunlich schnell für jemanden, der sieben Jahre zuvor noch als Protestantin mit ganz anderen Idealen lebte. Inzwischen betreibt sie mit ihren insgesamt etwa vierzig Schwestern drei weitere Klöster – eines davon in Mexiko, die anderen beiden rund 200 Kilometer von Theben entfernt. Diodora steht als geistliche Mutter über allen vier Klöstern. Ihre Gemeinschaft ist weit über Thebens Grenzen hinaus bekannt. Die Schwestern kommen aus 15 verschiedenen Ländern, viele haben einen Hochschulabschluss. Die hohen Ansprüche passen ins ursprüngliche Bild meiner Freundin und erleichtern die Begegnung. Meine alte Bewunderung für sie hatte gelitten, als sie Nonne wurde. Ich hatte gefürchtet, sie bleibe unter ihren Möglichkeiten. Nun stelle ich erleichtert fest: Nach weltlichem Maßstab ist Gerondissa Diodora eine Karrierefrau.