Es sind Szenen wie diese, die nun, Wochen später, das Bild meiner Freundin bestimmen. Einiges in ihrem Leben bleibt ungeklärt – für Religiosität gibt es keine rationale Erklärung –, aber noch heute spüre ich die magische Kraft, die sie aus dem übergeordneten Großen bezieht, auf das sie sich beruft. Meine Sinne sind generalüberholt, ich fühle mich leicht. Die alte Arbeitsteilung aus Kindertagen funktioniert noch immer: Sie ist für das Praktische zuständig, ich für die Theorie. Sie betet, ich denke darüber nach. Meine Kinder spielen neuerdings ein Rollenspiel, das sie "Ein deutscher Mann" nennen. Im Mittelpunkt steht eine Christus-Postkarte, die mir die Nonnen als Geschenk mitgegeben haben. Es ist noch nicht ganz die Spiritualität, die ich mir erhoffe, aber es ist ein Anfang.

Gerondissa Diodora wurde 1964 als Charlotte Stapenhorst geboren und ging in Homburg auf dieselbe Schule wie ZEITmagazin-Redakteurin Ilka Piepgras. Charlotte Stapenhorst studierte Kunst und Theologie und legte 1994 ihr Gelübde als Ordensschwester in einem orthodoxen Kloster in Griechenland ab. Heute steht sie vier Klöstern vor.

Was erwartet eine Frau beim Eintritt ins Kloster? ZEIT online fragte eine Benediktinerin, die in Tutzing Novizinnen ausbildet