DIE ZEIT: Immer wieder heißt es, "demnächst" werde es möglich sein, Gedanken zu lesen. Werden wir dazu je in der Lage sein?

Wolf Singer: Partiell ja. Man kann zumindest entschlüsseln, mit welchen Inhalten sich jemand beschäftigt – zum Beispiel, ob er Bilder von Gesichtern sieht oder von anderen Dingen. Aber was er wirklich denkt, werden wir wohl nie sagen können, weil die individuellen neuronalen Repräsentationen der jeweiligen Gedanken bei jedem ein wenig anders aussehen.

ZEIT: Verstehen wir das Gehirn besser als früher?

Singer: Natürlich wissen wir sehr viel mehr als früher. Aber zugleich dämmert uns die Erkenntnis, dass das Gehirn auch sehr viel komplexer ist, als wir vor ein paar Jahrzehnten gedacht haben.

ZEIT: Was war das wichtigste Ergebnis der Hirnforschung in den vergangenen Jahren?

Singer: Die Erkenntnis, dass es sich um ein extrem distributiv organisiertes System handelt, das keine zentrale Instanz kennt und sich selbst organisiert. Früher wurde das Gehirn als Reiz-Reaktions-Maschine gesehen, das im Wesentlichen auf das reagiert, was in der Außenwelt geschieht. Heute wissen wir, dass dies falsch ist. Das Gehirn weiß bereits sehr viel über die Welt aufgrund seiner funktionellen Architektur, die sich im Lauf der Evolution verfeinert hat. Und es wendet dieses Wissen an, um die Welt zu ordnen und zu interpretieren.

ZEIT: Wenn Sie mit Laien über Hirnforschung reden – welche falsche Vorstellung müssen Sie am häufigsten korrigieren?