Vom wirklichen Ausmaß der Besatzung hatten weder die allwissende Staatssicherheit noch die allmächtige Partei eine klare Vorstellung. Erst mit dem Abzug der Truppen im Jahr 1994 erfuhren die Deutschen von deren Größenordnungen. Es stellte sich heraus, dass die Sowjetarmee im Wendejahr 1989 über insgesamt 1026 Objekte mit etwa 36.000 Gebäuden verfügte, davon 777 geschlossene Areale.

Diese gemeinhin als »Russenstädtchen« bezeichneten Gebiete – hier ein ganzer Ortsteil, dort ein paar Straßenzüge – nahmen insgesamt 2,2 Prozent der Gesamtfläche der DDR in Anspruch und versinnbildlichten für die Bevölkerung vor allem in den Anfangsjahren nicht nur die Schrecken, Entbehrungen und Opfer des Krieges, sondern auch die Niederlage gegen einen vermeintlich minderwertigen Gegner. Die »Russenkasernen« blieben fremde, dunkle Orte, die nach einer Mischung aus Schweiß und Schmieröl, Kohl und Knoblauch, billiger Seife und beißend süßlichen Papirossi rochen und deren leuchtendes Grün und Blau hiesigem Geschmack kaum entsprachen. Doch nicht nur die Farben und die Gerüche, die von dort rührten, muteten fremdartig an, sondern auch die Geräusche: sonntägliche Appelle mit Marschmusik, Befehlsgeschrei und »Urra«-Rufe; Aluminiumgeschirr klapperte, Alarmsirenen versetzten Soldaten wie Anwohner bei Tag und bei Nacht in Angst und Schrecken. Hinzu kamen die ebenfalls zu jeder Tages- und Nachtzeit rasselnden Panzerkolonnen, die dröhnenden Hubschrauber, die bis in die Morgenstunden ihre Kreise zogen, bisweilen so tief, dass Anwohner die Gesichtszüge der Piloten zu erkennen glaubten.

In diesen Militärexklaven galt das alleinige Recht der Kommandeure, fürstengleich weiteten sie ihre Befehlsgewalt bei Bedarf aber auch gern über ihre Standorte hinaus aus. Wie im Falle des rätselhaften Todes des Gefreiten Michail A. konnten sie jederzeit in die Befugnisse deutscher Instanzen eingreifen.

Nach Belieben requirierten sie bis zum Schluss Land und Forst, Gebäude und Straßen, Materialien und Dienstleistungen. Im Jahr 1983 etwa beschloss der Kommandant der in Thüringen stationierten 8.Gardearmee, unmittelbar neben einer viel befahrenen Fernverkehrsstraße, nur wenige hundert Meter von einer Hochhaussiedlung entfernt, einen Schießplatz zu errichten. Um eine Erlaubnis der örtlichen Behörden kümmerte sich niemand.

Andernorts führte dergleichen Willkür zu einer Tragödie. Im Januar 1988 raste ein Schnellzug der Hauptverkehrsstrecke Leipzig – Berlin – Stralsund im brandenburgischen Forst Zinna bei Jüterbog in einen sowjetischen Panzer, der auf den Gleisen stehen geblieben war. Der Fahrer, ein Rekrut aus Kasachstan, der kein Wort Russisch sprach, hatte die Anweisungen seiner Vorgesetzten nicht verstanden und sich in diese fatale Lage manövriert. Sechs Reisende kamen ums Leben, etliche wurden verletzt. Ein Panzerübungsplatz neben einer Hauptverkehrsstrecke – das hätten deutsche Behörden natürlich niemals genehmigt!

Auch vor privatem Besitz machten die Truppenkommandeure nicht halt. Nur ein Jahr nach der eigenmächtigen Thüringer Schießplatz-Initiative »enteignete« selbiger Offizier kurzerhand einen Hektar Gartenland. Dem Eigentümer war fortan jeder Zugang verwehrt; Bäume wurden gefällt und Erdbunker gegraben. So mancher Bürger wunderte sich, wenn über Nacht vor seiner Haustür eine illegale Müllkippe oder ein kleiner Übungsplatz auftauchte. Unternehmen ließ sich dagegen kaum etwas. Die Militärs bedienten sich nicht nur freizügig des Bodens ihres »Gastlandes«, sie markierten auch ihre Claims gern auf eigene Weise. In Dresden steckte man mitten im Wald ein Militärareal ab und versah es mit weithin sichtbaren Verbotsschildern. Auf Fotos, aufgenommen von der allgegenwärtigen Staatssicherheit, erkennt man wahllos an Bäume genagelte Schilder mit der Aufschrift: »HALT! Verbotensonen« oder »Bewegung ist verboten«.

1958 hatte Kreml-Chef Nikita Chruschtschow persönlich den Beschluss verkündet, Moskau käme für seine Truppen in der DDR ganz alleine auf. Das allerdings war nichts als Propaganda. Tatsächlich bezahlte Ost-Berlin den »Freunden« und »Waffenbrüdern« den Unterhalt. Die vertraglich vereinbarten Kosten beliefen sich in den letzten beiden Jahrzehnten auf 1,2 Milliarden Ostmark pro Jahr. Allein aus dem Verteidigungshaushalt wurden sechs bis acht Prozent an die Besatzungstruppen abgeführt.