Der Irak kommt nicht zur Ruhe. Die blutigsten Anschlägen seit Wochen haben am Dienstag mehr als 60 Menschen getötet. Allein in der Provinzhauptstadt Bakuba riss ein Selbstmordattentäter mindestens 40 Menschen mit in den Tod. Mehr als 60 weitere Menschen wurden verletzt, als der Angreifer die Autobombe an einer Straßensperre zündete. Sie war vor einem Gebäudekomplex errichtet worden, in dem sich unter anderem das Gericht der Provinz Dijala sowie die Provinzverwaltung befinden. Dijala ist schon seit einigen Monaten neben Bagdad die Provinz, in der sich am häufigsten Terroranschläge ereignen.

In der westlichen Anbar-Provinz, die durch einen Pakt zwischen der US-Armee und sunnitischen Stammesführern im vergangenen Jahr sicherer geworden war, explodierte eine Autobombe vor einem Restaurant. In Mossul stürmten Terroristen ein Haus und töteten einen Mann und drei Frauen. Andernorts in der Stadt sollen Unbekannte eine Anwältin und ihre Schwester aus einem Auto heraus erschossen haben. Am Montag waren bei einem Sprengstoffanschlag mindestens zehn kurdische Soldaten getötet worden. (dpa)

Für die Fahrt vom Bagdader Flughafen in die Grüne Zone, versichert Humam Ghalib (Name geändert), ein irakischer Freund, genüge ein einfaches Kopftuch, es gehe sogar ohne. »Die Straße ist sicher.« Die zur Tarnung erworbene Abaia, ein schwarzer ärmelloser Umhang, der vom Scheitel bis zu den Knöcheln reicht, kann vorerst im Koffer bleiben. Weil sein Auto zu tief für die Bodenschwellen an den Checkpoints liegt, hat Ghalib sich den Wagen eines Bekannten geliehen. Eine Lappalie, gemessen am Aufwand, der noch vor einem Jahr nötig war, um die zwölf Kilometer vom Flughafen in die Stadt unbeschadet zu überstehen. Firmen, Botschaften und die großen amerikanischen Medienunternehmen, die sich in der hochgesicherten Grünen Zone angesiedelt haben, setzen immer noch auf gepanzerte Wagen und Personenschutz. Doch seit entlang der Route alle zwei, dreihundert Meter eine Polizeistreife oder ein irakischer Panzer steht und die umliegenden Stadtteile hinter Stacheldraht verschwunden sind, hat es auf der lange als »death row« verrufenen Schnellstraße keine Anschläge mehr gegeben.

Wie ein normaler Flughafentransfer mutet die Fahrt trotzdem nicht an. Eher wie eine Expedition durch gerade erst befriedetes Kampfgebiet. Ausgebrannte Autowracks, vermutlich Überreste von Selbstmordanschlägen, verwittern am Straßenrand. Staub und Müll fegen wild umher, sämtliches Grün, alle Palmen vom Seiten- und Mittelstreifen wurden abgeholzt, freie Sicht für das Militär. Es herrscht wenig Verkehr, die meisten Zufahrten sind gesperrt oder erwecken den Eindruck, jedes falsche Abbiegen könnte das letzte sein.

Oft überlegen wir tagelang, ob wir in ein bestimmtes Viertel fahren können

Auf der Gegenspur warten zehn Fahrer am Straßenrand hinter Sandsäcken, während ihre Autos mit Spiegeln und Sprengstoffspürhunden untersucht werden. An einem vorgelagerten Checkpoint liest eine Wache vom Hochsitz aus mit dem Fernglas die Ausweise, die die herannahenden Fahrer dem Mann etwa hundert Meter entfernt durchs Seitenfenster entgegenstrecken – erst dann öffnet sich eine Barriere, und die Autos dürfen zur nächsten Kontrolle vorrollen. Die Straße mag als sicher gelten, doch offenbar ist man jederzeit auf den Beweis des Gegenteils gefasst.

»Am besten fahren wir am Checkpoint Nummer 12 in die Grüne Zone, dann müssen wir gar nicht erst in die Stadt«, schlägt Ghalib vor. Er arbeitet seit anderthalb Jahren für das irakische Präsidialamt und darf mit seinem Ausweis nicht nur alle fünf Zufahrten in das abgeriegelte Verwaltungsviertel passieren, sondern kann mich als Unbefugte auch mitnehmen. Seine Dienstwohnung wird meine Basis sein für die nächsten drei Wochen, sein Rat mein Maßstab, um das vom amerikanischen Militär abgeschirmte »grüne« und das echte »rote« Bagdad zu inspizieren.