Lucky heißt die Katze, sie hat braun-weißes Fell, das linke Ohr ist eingerissen, auf dem einen Auge ist sie blind, auf dem rechten Vorderbein lahmt sie, und ihr Schwanz fehlt auch noch. Lucky heißt sie, sagt Lars Davidsen, der mit dieser Geschichte seine Geburtstagsrede eröffnet, 80 Jahre wird er alt, er hängt selbst an einer Sauerstoffflasche, sitzt im Rollstuhl, hat Hörgeräte in den Ohren – und alle lachen in dem großen Raum, als der alte Mann seine Geschichte erzählt.

Diese Szene, sagt Siri Hustvedt, hat sie exakt vom Leben abgeschrieben. Ihr neuer Roman Die Leiden eines Amerikaners bewahrt die Erinnerung an ihren 2003 verstorbenen Vater Lloyd Hustvedt – sie hat seine Notizen, vor allem aus den Kriegsjahren in Asien, zu einem Teil des Buches gemacht. Es sind Lars Davidsens erwachsene Kinder Inga und Erik, die die Tagebücher ihres Vaters nach dessen Tod finden und in ihr Leben zu integrieren versuchen. Beide wohnen nicht mehr im heimatlichen Minnesota, sondern in New York, und es ist Erik, Psychotherapeut in Brooklyn, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird.

Sie strahlt freundliche Lebendigkeit aus – ihre Ruhe findet sie in der Malerei

Gibt es einen Lieblingsort in New York, an dem man sich treffen könnte? Siri Hustvedt muss nicht lange überlegen. »Die Frick Gallery. Dahin gehe ich, seit ich hier lebe.« 30 Jahre ist dieser Anfang her: Als sie, eine junge blonde Frau aus Minnesota und mit norwegischen Wurzeln, zum Literaturstudium nach New York kam, mit wenig Geld und voller Hunger auf die Geheimnisse und Abenteuer der großen Stadt – seit dieser Zeit hat sich wenig geändert in der Villa, die sich der Industrielle Frick vor hundert Jahren am östlichen Rand des Central Park für seine Gemäldesammlung bauen ließ. Goldrahmen glänzen um die Vermeers, Goyas, Rembrandts, das Plätschern des Springbrunnens im Innenhof ist das einzige Geräusch. Siri Hustvedt ist von einer freundlichen, unbefangenen Lebendigkeit – und findet in der Konzentration auf die europäischen Meister jene Inspiration, die sie für ihr Schreiben braucht. Manchmal verbringt sie zwei Stunden vor einem Bild, und in diesem intensiven Schauen hat sie eine Form gefunden, in der sie die beiden Leidenschaften ihres Lebens, Malerei und Schreiben, zusammenführen kann. Seit Kindertagen zeichnet sie, sie wollte einmal Malerin werden, nun nimmt sie Bilder zum Auslöser umfassender Denkbewegungen. Bilder ziehen sich durch ihre Romane, nicht als dekorative Versatzstücke, sondern als Katalysatoren für grundlegende Identitätsverwirrungen.

Fast scheint es, als interessiere sich Siri Hustvedt mehr für den Prozess der Kunstrezeption als für den der Produktion: Ein Buch lesen, ein Bild anschauen, das kann bedeuten, aus den eigenen Grenzen so radikal herausgehoben zu werden, dass diese verschwimmen oder überhaupt fragwürdig werden. Die junge Iris Vegan in Hustvedts erstem Roman Die unsichtbare Frau (1993) war nach der Lektüre einer Novelle plötzlich in Männerkleidern und mit dem Namen der männlichen Hauptfigur durchs nächtliche New York geirrt und tief in ein vom Buch initiiertes Beziehungslabyrinth geraten. Und ob Lily Dahl aus Hustvedts zweitem Roman Die Verzauberung der Lily Dahl (1997) in ihren kühnen Aneignungen fremder Geschichten Selbstverlust oder Selbstfindung erlebt, ist schwer entscheidbar. In ihren Essays benannte Hustvedt diesen Raum, in dem die Positionen wechseln und die Grenzen verschwimmen, einmal mit dem alten Wort yonder, das sie fasst als: nicht hier, nicht dort, als jenes Dazwischen, das vielleicht auch eine Art utopischer Raum ist – die größte denkbare Offenheit.

»In Wirklichkeit«, lässt Hustvedt in ihrem dritten und bislang erfolgreichsten Roman Was ich liebte (2003) eine Figur sagen, »hat jeder von uns sowohl eine Frau als auch einen Mann in sich. Wenn ich eine schöne, begehrenswerte Frau auf einem Bild anschaue, bin ich sowohl sie als auch der Betrachter. Die Erotik entsteht daraus, dass ich mir vorstellen kann, ich wäre er, der mich anschaut.« Was ich liebte hat, wie Hustvedts aktueller Roman, einen männlichen Ich-Erzähler. Die Erzählperspektive selbst ist zum Ort einer Identitätsverfremdung geworden. »Es hatte auch etwas Befreiendes, die Frau, die ich bin, hinter mir zu lassen«, sagt Siri Hustvedt.

Und doch hat das Spiel mit fremden Kleidern längst nicht mehr den Charakter von Identitätsauflösung. Es ist die Welt um ihn herum, die der Psychotherapeut Erik Davidsen in den Leiden eines Amerikaners schwanken sieht: in den monströsen Bildern der Jamaikanerin Miranda, die mit ihrer Tochter Eggy bei ihm zur Untermiete einzieht (und bald auch seine Fantasien bewohnt); in den auf der Treppe vor seinem Haus platzierten Fotos, auf denen er Miranda, Eggy oder sich selbst erkennt, augen- oder schattenlos, technisch manipuliert; in der Verstörung seiner Schwester nach dem Tod ihres Mannes; und in seiner Nichte, die am 11. September Menschen aus den Türmen hat springen sehen. Aber auch Davidsens Patienten spielen ihre Rolle in Siri Hustvedts groß angelegter Etüde über die Versehrungen und Verzerrungen des Lebens.

»In meinem alltäglichen Leben brauche ich ziemlich viel Ruhe und feste Struktur«, sagt Siri Hustvedt, die seit 15 Jahren mit Ehemann Paul Auster und der gemeinsamen Tochter Sophie in Park Slope wohnt, einer der schönsten und grünsten Ecken von Brooklyn. Sie mag die Ordnung des Alltags, kochen und im Garten arbeiten, und die liebste Form von Geselligkeit ist, wie sie sagt, eine altmodische: »Ich mag diese kleinen Dinnerpartys, eine fast verloren gegangene Form sozialen Lebens. Mit sechs, acht Freunden um den Tisch sitzen, essen und reden bis in die Nacht.« Ruhe und Gleichmaß außen – als Voraussetzung der inneren Reisen ins Ungewisse? Nicht ganz. Seit einiger Zeit verlegt Siri Hustvedt ihre Werkstatt einmal wöchentlich in die Payne Whitney Psychiatric Clinic und gibt dort den Patienten Schreibunterricht.

»Ein Keats-Gedicht, zum Beispiel. Wir lesen es zusammen, und dann schreibt jeder einen eigenen Text. In meiner anderen Gruppe sind nur Jugendliche. Ihnen bringe ich Wörter mit: Ärger. Angst. Langeweile. Über kein Wort schreiben sie so gern wie über Liebe.« Manche der Lebensgeschichten, die sie dort höre, seien von unfassbarem Schrecken. Trauma, sagt Siri Hustvedt, das bedeute vielleicht die Berührung mit einer so jenseitigen Dimension, dass der Körper sich weigere, das Erlebte aufzunehmen und zu einem Teil seiner selbst zu machen. »Dass die Zeit Wunden heilt, gilt dann einfach nicht. Das Trauma bleibt von der Zeit unberührt. Ein Mann kommt 50 Jahre nach seiner Zeit als Soldat zum ersten Mal zur Ruhe – und plötzlich schwemmt alles in ihm hoch.« Erfahrungen außerhalb der Dimensionen von Zeit und Körper – was für ein Erzählen kann es dafür geben?

In den Leiden eines Amerikaners ringt Siri Hustvedt spürbar um Möglichkeiten, ihrem Thema der verstörenden Grenzgänge, des immer in viele Richtungen gefährdeten, nie wirklich kontrollierbaren Lebens auch schreibend zu entsprechen – und eher Zufälle zu choreografieren, statt streng kontrolliert die Puppen tanzen zu lassen. Mitunter trägt sie ihre Geschichten, statt sie zu beherrschen, auf Ebenen, auf denen diese sich gleichsam selbst ordnen können. Der Traum ist so eine Ebene, wo sich die das eigene Leben kreuzenden Geschichten zu einer neuen Geschichte treffen und verflechten. »Die Ökonomie von Träumen ist sparsam. Der Himmel voller Rauch am 11. September, die Fernsehbilder aus dem Irak, die Granaten, die an dem Strand explodierten, in den sich mein Vater im Februar 1945 eingegraben hatte, brannten einhellig auf dem vertrauten Boden des ländlichen Minnesota«, so erinnert sich Erik Davidsen eines Morgens an einen Traum.

Sie erzählt von alltäglichen Fluchten – und wie die Menschen damit umgehen

Der Logik von Träumen kann man sich nur überlassen. Dem Nebeneinander traumatischer Bilder im Inneren ebenso. Wohin Traumata ausgreifen, wie unabsehbar ihre Verläufe sind, ist ein ebenso wesentliches Thema in Siri Hustvedts Roman wie das Fantasieren über Träume. Wie fremd das bleibt, was einem zustößt und wie unbewältigbar es sein kann, ist schön in das Bild der »Fugues« gefasst, der unvermeidbaren Fluchten, zu denen Lars, der Vater und Kriegstraumatisierte, getrieben war, wenn er nachts das Haus verließ und irgendwann zurückkam und niemand in der Familie dies für normale Nachtspaziergänge hielt. Menschen leben, von Angst verstört, und nicht selten sterben sie so. Sie hüten Geheimnisse zu gut.

Und so hat man irgendwann begriffen, dass Hustvedts Roman weniger von jenen vielen Verletzungen handelt, die sich im Laufe eines Menschen- oder Katzenlebens aufeinanderhäufen können, als vielmehr von der Verwundbarkeit selbst; den dünnen Stellen, aus denen ein Mensch gemacht ist und die ihn lebenslang anfällig sein lassen für dauerhaften Schaden aller Art; berührbar zugleich, empfindlich, empfänglich für wie immer geartetes Glück.

Glück, wohlgemerkt – ist nicht gleichbedeutend mit Happy End. »Ich hätte Erik und Miranda liebend gern eines verschafft«, sagt Siri Hustvedt und lacht etwas verlegen, »es hätte mir gefallen, aber es ging nicht. Ich hätte es mir selbst nicht geglaubt.« Zum Glück fürs Buch also kein glückliches Ende. Denn Glück – ist eine lädierte Katze. Ist meist Zufall, manchmal ein Unfall, oft unglaublich. Und steht auf keinen Fall für ein versöhnliches Ende auf Abruf bereit.