Der Kampf ist einer zwischen sehr ungleichen Gegnern, doch manchmal verlieren ihn beide. Sie zappelt mit dem Hinterleib, schwirrt mit den Flügeln und scheint ihr Schicksal zu ahnen. "Komm schon, komm schon", stöhnt der Doktorand missmutig, als die Fliege ihre Vorderbeine aus dem Wachskügelchen befreit. Einen dünnen Kupferdraht hat er an einem Lötkolben befestigt, um mit ihm die Fliegenbeine wieder in Wachs festzuschmelzen, ohne sie zu verbrennen.

Zoologisches Institut Köln. Montagmorgen. Kreischen von S-Bahnen dringt zum Labor herauf. Das konzentrierte Ringen zwischen Forscher und Fliege währt etliche Minuten. Eine falsche Bewegung, und mitunter haben beide das Nachsehen. Sie stirbt, und er kann von vorn beginnen, ein Ärgernis. "Wenn du ungeübt bist, passiert das bei der Hälfte."

Er fixiert das vier Millimeter große Tier in Wachs, den Kopf haftet er ihr mit Zahnarztkleber rechtsseitig an den Rumpf. Sogar die Schwingkölbchen hinter ihren Flügeln verklebt er geflissentlich. Nur an einem einzigen Körperteil ist er interessiert, mit dem bloßen Auge nicht erkennbar, eines, das nicht unscheinbarer sein könnte und zurzeit Forscher auf der ganzen Welt aufhorchen lässt: ihr Ohr.

Insektenohren finden sich an Flügeln, Beinen, Knien und am Unterleib

Es ist im 21. Jahrhundert beim Menschen nicht gut ums Hören bestellt. Immer neue Zivilisationskrankheiten setzen ihm zu. Der MP3-Player am Ohr, überlaute Kneipenmusik, harte Technobeats, Stress. Und der Tinnitus. Nach Untersuchungen der Universitäten Baltimore und Zürich besitzen 20- bis 25-Jährige in den Industrieländern das Hörvermögen des durchschnittlichen 70-jährigen Afrikaners. Musiklehrer klagen, dass ihre Kunden immer unempfindlicher werden, immer mehr Fernsehzuschauer hören nur dann hin, wenn sie die Bilder nicht verstehen. Die visuelle Gesellschaft ertaubt.

"Schlechtes Hören kostet das Gesundheitswesen viel mehr als Sehstörungen", sagt Martin Göpfert, Leiter des Kölner Forschungsprojektes. Es bietet eine Hoffnung fürs geschundene Gehör, eine kleine. Genauer: viele kleine. Tausende Drosophila-Fliegen in Glastöpfchen, Lagertemperatur 18,6 Grad.