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Ludwig Lindner jammert nicht über den Bildungsnotstand in Deutschland – er handelt. Nachdem die Pisa-Studie 2001 offenbarte, wie wenig die Schüler von Mathematik, Biologie und Physik verstehen, gründete der pensionierte Chemiker gemeinsam mit Ingenieuren und Physikern den Verein Bürger für Technik (BfT). Mit seinen verschiedenen Internetseiten wendet sich die Initiative insbesondere an Schüler und Studenten. Er will »dazu beitragen, dass sich mehr junge Menschen für Naturwissenschaften und Technik interessieren, damit Deutschland in der Pisa-Studie wieder einen besseren Platz erreicht«.

Ein nobles und selbstlosen Anliegen, so scheint es. Und tatsächlich finden sich auf den Internetseiten des BfT einige harmlose populärwissenschaftliche Artikel darüber: »Wie das Baumwollhemd leichter glatt wird« oder »Wie Wanderschuhe wasserdicht bleiben«. Die meisten der dort veröffentlichten Texte und Studien handeln jedoch von »Windkraft-Lügen« und den Segnungen der Kerntechnik. Der Tenor ist stets derselbe: Atomenergie ist gut, alternative Energien werden überschätzt.

Ein Zufall? Wohl kaum. Vieles spricht dafür, dass der harmlose Bildungsverein eine Tarnorganisation der Atomlobby ist.

Der Verein will »Angst vor bisher unbekannter Technik abbauen«

Offiziell bezeichnet sich der BfT als »Gruppe von unabhängigen Bürgern«. Seine knapp 100 Mitglieder setzen sich nach eigenen Angaben dafür ein, »dass mehr Verständnis für technische Problemstellungen in der Bevölkerung vermittelt wird. Dazu gehört, dass dadurch auch Angst vor bisher unbekannter Technik abgebaut und man Panikmeldungen gegenüber kritischer wird.« Wer den Werdegang des Vereinsvorsitzenden Lindner verfolgt, bekommt eine Ahnung davon, was gemeint ist. Lindner arbeitete früher beim Kernforschungszentrum Karlsruhe und bei AEG, wo er den Aufbau und Betrieb eines Plutoniumlabors leitete. Das verrät zwar auch der Verein BfT. Doch er verschweigt die Ehrenämter des Pensionärs: Bis 2004 war Lindner Sprecher der Fachgruppe »Nutzen der Kerntechnik« in der Kerntechnischen Gesellschaft (KTG). Noch Ende 2007 trat er als ihr stellvertretender Sprecher auf.

In der KTG engagieren sich Atomforscher und Ingenieure für die friedliche Nutzung der Kernenergie. Sie wird vom Deutschen Atomforum, der offiziellen Interessenvertretung der Kernkraftwerkbetreiber, finanziell unterstützt. Beide Organisationen residieren im selben Gebäude am Robert-Koch-Platz in Berlin, beide haben mit Dieter Marx denselben Geschäftsführer. Und was ist mit dem BfT? »KTG und ›Bürger für Technik‹ sind organisatorisch nicht verknüpft«, sagt Marx. »Es gibt keine Zahlungen und keine Zusammenarbeit, nur gleiche Ansichten.«

Seltsam, denn personelle Verquickungen gibt es sehr wohl. Lindner ist nicht das einzige BfT-Mitglied mit auffälliger Nähe zur KTG und somit zur Atomwirtschaft. Der Ingenieur Eckehard Göring, ebenfalls in der Vereinsspitze, leitet seit vier Jahren die Fachgruppe »Nutzen der Kerntechnik« in der Kerntechnischen Gesellschaft. Und abseits der Öffentlichkeit arbeiten BfT und KTG sehr wohl zusammen. Im Dezember 2005 schickten sie eine gemeinsame Petition für eine »realistische Energiepolitik« an 1.100 Bundes- und Landespolitiker. Der Tätigkeitsbericht der Kerntechnischen Gesellschaft für das Jahr 2006 verweist sogar auf buerger-fuer-technik.de. Die Internetseite, die angeblich 20.000 Besucher monatlich hat, soll demzufolge Bürger erreichen, »die sich nicht in erster Linie für die Kernenergie engagieren«.

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Die Scheinorganisationen nutzen Aktionsformen der Umweltbewegung

Kein Wort mehr von Pisa und dem Wunsch, die naturwissenschaftlichen Kenntnisse deutscher Schüler zu verbessern. Stattdessen unverblümte Interessenpolitik, wie ein internes Dokument Lindners belegt. Dort heißt es: »Wir haben uns ursprünglich in der KTG-Fachgruppe ›Nutzen der Kerntechnik‹ zusammengefunden [...]. Um unseren Wirkungskreis auch neutral zu erweitern, haben wir die lose Vereinigung ›Bürger für Technik‹ gegründet [...]. Die Zielsetzungen beider Gruppen sind identisch.« Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD

Als Bürgerinitiative getarnte Lobbyarbeit ist besonders heimtückisch, weil sie einen Vertrauensvorschuss missbraucht. Das Bundesumweltministerium ließ vor zwei Jahren untersuchen, wem die Deutschen am meisten vertrauen, wenn es um das Thema Umweltschutz geht. Bürgerinitiativen belegten Platz zwei, gleich nach den bekannten Umweltschutzorganisationen und noch vor Behörden und Kirchen. Sie kämpfen gegen Flugplatzlandebahnen oder gegen den Bau einer Autobahn durch ein Naturschutzgebiet und profitieren meist vom David-gegen-Goliath-Effekt: Der Schwächere hat die Sympathien auf seiner Seite.

Was aber, wenn der Schwache in Wahrheit der Starke ist?

»Astroturf« heißt diese Strategie – Kunstrasen. Eine Anspielung darauf, dass Bürgerinitiativen ebenso wie Graswurzeln von unten kommen und organisch wachsen. Astroturfer unterwandern bestehende Initiativen oder schaffen eigene. Im französischen Fessenheim beispielsweise gründete der Betreiber des Atomkraftwerks die Umweltorganisation »Au fil du Rhin«. Der von der Atomlobby finanzierte Verein warb für Atomenergie – um die Natur des Rheintals erhalten zu können. Ein anderes Beispiel deckte der Spiegel vor fünf Jahren auf. Die Gesellschaft zur Förderung umweltgerechter Straßen- und Verkehrsplanung e. V. unterstützte als Tarnverein der Bau- und Autoindustrie finanziell die Straßenbau-Befürworter – unter dem Deckmantel des Umweltschutzes.

Die Pseudo-Initiativen machen sich auch die Aktionsformen echter Gruppierungen zunutze: In den neunziger Jahren erregten beispielsweise die Waste Watcher Aufmerksamkeit, indem sie auf Umweltmessen eimerweise Müll vor die Stände von BUND und Greenpeace kippten. Die Tarn-Aktivisten demonstrierten gegen die echten Umweltschützer, weil diese Müllverbrennungsanlagen verhinderten. Hinter den Waste Watchern stand das Unternehmen Tetra Pak.

Die Bürger für Technik sind mit ihrer Taktik sehr erfolgreich. Mehrmals im Monat schickt Vereinschef Lindner den Newsletter KurzInfos an rund 2.800 Empfänger. Er ruft dazu auf, Leserbriefe an Zeitungen und Fernsehsender zu schreiben. Als vermeintliche Stimme des Volkes landen diese in den Redaktionen. »Die Briefe an lokale Zeitungen wurden zum großen Teil veröffentlicht«, jubelt die KTG in ihrem Jahresbericht – und auch überregionale Zeitungen wie Welt, Süddeutsche Zeitung und FAZ druckten etliche von ihnen ab.

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Wichtigste Zielgruppe der Bürger für Technik bleiben aber Schüler und Studenten, die Meinungsbildner und Entscheider von morgen. Um sie auf Pro-Atom-Linie zu bringen, nutzt die BfT ein breites Netz aus Internetseiten. Mindestens 15 sind es, teils mit unverfänglich klingenden Namen wie kernenergie-lexikon.de oder kernenergie-wissen.de, teils offensiv wie atomkraft-ja-bitte.de. Und die Seite abenteuer-forschung.de mag zwar an eine seriöse Wissenschaftssendung des ZDF erinnern, entstammt aber ebenfalls dem BfT-Umfeld.

Von den Internetseiten des Vereins kann man sich unter anderem Referate für die Schule herunterladen. So sickert die Botschaft erfolgreich in die Köpfe der Schüler. Das Oldenburger Jugendportal Sisol etwa verweist beim Thema Kernkraft auf BfT; die Klasse Labortechnologie der Sophie-Scholl-Schule in Leutkirch nutzte die Infos der Atomkraftbefürworter für ein Schulprojekt; ein Schüler der Friedensschule in Hamm nennt als Quellen seines Referats zum Thema »Kernkraftwerk« ausschließlich Seiten von BfT-Mitgliedern.

»Die Lehrer kommen auf uns zu, damit wir innerhalb des Naturwissenschaftsunterrichts sprechen oder gezielte Vorträge halten«, sagt Vereinschef Ludwig Lindner. Welche Ziele er wirklich verfolgt, beschreibt er im Rechenschaftsbericht der Kerntechnischen Gesellschaft. Zur Seite atomkraft-ja-bitte.de steht dort: »Die Rückmeldungen zeigen deutlich, dass die Zielgruppe der Schüler und jungen Studenten erreicht wird und die Atomkraftgegner durch diesen provokanten Auftritt in argumentative Schwierigkeiten geraten.« Zum selben Zweck wird offenbar auch das freie Internetlexikon Wikipedia manipuliert. Mehrmals schon wurden die BfT-Mitglieder aufgefordert, missliebige Beiträge zu bearbeiten. »In der Anfangszeit war da viel ideologisch durchsetzt«, sagt Lindner. »Jetzt ist vieles objektiver.«

Öffentliche Meinung beeinflussen, Verbündete hochjubeln, Gegner stören – das ist der Dreikampf der Atomfreunde. Robert Werner, Vorstand von Greenpeace Energy, kann sich noch gut an den 20. Oktober 2006 erinnern. In Mannheim hatte er zu dem Energiekongress »Stromaufwärts« geladen. Unter den 250 Teilnehmern befanden sich vier BfT-Mitglieder. »Sie haben jeden Redner unterbrochen«, erinnert sich Werner. »Es war fast nicht mehr möglich, die Veranstaltung durchzuführen.« Die Pro-Atom-Kämpfer hätten Flugblätter verteilt, Plakate von den Wänden gerissen und so ein Klima der Aggression gesät. Auch Lindner war dabei und sagt heute, er habe damals Eintritt gezahlt und hätte darum auch seinen Unmut äußern und Dinge gerade rücken können. Auf den Hauptversammlungen von Energiekonzernen wie E.on, RWE oder EnBW indes treten die Bürger für Technik als Claqueure auf. »Um den Kaputtmachern in unserer Gesellschaft entgegenzutreten und auch um die Vorstände zu unterstützen«, wie es in einem internen Papier heißt.

Die Kerntechnische Gesellschaft steht als Forschervereinigung offen und transparent zu ihrer Nähe zur Kernenergie-Wirtschaft, tritt aber sehr zurückhaltend auf. Die Bürger für Technik – als eine Art inoffizielle Untergruppe der KTG – müssen nicht darauf achten, politisch korrekt zu sein. Vereinschef Lindner hält sich dennoch für unabhängig. Finanziell würden die Bürger für Technik weder von der KTG noch vom Atomforum unterstützt, sagt er.

Trotzdem gibt es Hinweise auf eine Nähe in Gelddingen. Im vergangenen Jahr wollte ein Interessent der vermeintlich unabhängigen Bildungsinitiative eine Spende zukommen zu lassen. Lindner antwortete schriftlich: »Wenn Sie uns etwas spenden möchten, dann bitte auf das Konto der KTG Nutz. d. Kerntechnik.«

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