Wenn Männer in mittleren Jahren sich plötzlich ein Hightechfahrrad zulegen oder Frauen sich die Haare abschneiden, dann steckt eine Midlife-Crisis dahinter oder ein Neuanfang oder beides. Was aber hat es zu bedeuten, wenn eine Kanzlerin nach zwei zwar selten durchregierten, aber stets tadellos durchgeknöpften Jahren dem ahnungslosen Publikum plötzlich ein derart beeindruckendes Dekolleté enthüllt wie Angela Merkel bei der Eröffnung der neuen Oper zu Oslo?

Gar nichts, will uns ihr Regierungssprecher weismachen. "Dass dieses Abendkleid, ein Neuarrangement aus dem Bestand der Bundeskanzlerin, für eine solche Furore gesorgt hat, lag nicht in der Absicht der Bundeskanzlerin", behauptet Thomas Steg, während sich die internationale Presse überschlägt.

Nein, lieber Herr Steg, so lassen wir uns nicht abspeisen. Wir erinnern uns: Angefangen hatte es mit dem früheren österreichischen Finanzminister Grasser, dessen Auftritt in Seepferdchen-Badehose zur Metapher einer Renaissance Österreichs wurde. Es folgte Wladimir Putin, der seinen nackten Oberkörper beim Angeln zur Schau stellte, was von dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy sogleich als Herausforderung erkannt wurde. Sarkozy zeigte Bauch – seine love handles wurden im Interesse der Grande Nation wegretuschiert.

Die durchlöcherten Socken des früheren amerikanischen Weltbankchefs Paul Wolfowitz hingegen wollen wir nicht als Signal für den Niedergang der USA werten – nein, hier handelt es sich offenbar um ein subtiles inner-europäisches Wettbrüsten. Endlich ist es raus: Merkel will Großmacht werden!