Das sagen wir so schnell: dass einen irgendeine Begegnung einfach umhaut. Aber als ich Anfang der siebziger Jahre in die ersten Takte von Nikolaus Harnoncourts erster Einspielung der Bachschen Matthäus-Passion hineinhörte, legte ich mich wirklich platt auf den Boden und stand erst wieder auf, als die letzten Takte verklungen waren. Dabei hatte ich die Platte gar nicht einmal gezielt erworben. Sie lag im Feuilleton der Zeitung, bei der ich damals arbeitete, auf einem Stapel herum, achtlos beiseite geschoben von hochmögenden Kritikern, die für die "historisch authentische Wiedergabe" nur verständnislose Verachtung übrig hatten: hormonarmes Gefiepse aus dem Staub-Archiv. Kann sich mitnehmen, wer will… Es dauerte dann noch einmal vierzehn Jahre, bevor ich in jenem Blatt einen ersten gründlichen Artikel über das Musizieren auf historischen Instrumenten schreiben durfte. Allerdings nicht im Feuilleton, sondern in der Wochenendbeilage.

Aber jener Spätnachmittag! Wer bis dahin nur die schleppenden zerdehnten Tempi und die alle Klangfäden erdrückenden Chormassen im Ohr hatte, sei es die heute eher berüchtigte Einspielung unter Mengelberg oder seien es, schon um einiges lebhafter, die pathetischen Predigten von Karl Richter – der wusste nach den ersten Zeilen "Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen…": Von hier und heute geht eine neue Epoche der Musikgeschichte aus, und du kannst sagen, du seiest dabei gewesen; wenn auch nur am Lautsprecher. Die Doppelchöre liefen aufgewühlt im Zwölfachteltakt zusammen und durcheinander. Und erst der Choral Oh, Lamm Gottes unschuldig … War man gewohnt, dass über den beiden viel zu großen Chören, die sich viel zu träge dahinwälzten, irgendwann ein tatsächlich fiepsender Knabenchor so völlig sediert seine Töne von sich gab, dass man eine natürlich fließende Choralmelodie gar nicht mehr erkennen konnte, so war nun schlagartig zu hören: Donnerwetter, das ist ja im Großen nichts anderes als eine Choralbearbeitung, wie wir Organisten sie mit Pedal, zwei Manualen und eben dem zentralen Cantus firmus auszuführen pflegen. Leidenschaftlich motorische Musik!

Heute würden man Eulen nach Athen tragen, wollte man das Recht dieser Musizierpraxis auf historischen Instrumenten noch ausführlich begründen. Ihre Spielformen haben sich ungemein weit ausdifferenziert und sind inzwischen bis in die Spätromantik vorgedrungen. Aber damals hat diese Platte mein Leben verändert, nicht nur wegen der überaus konkreten Revolution meines Hörens und Verstehens, sondern auch ganz praktisch – und das bis heute. Seinerzeit habe ich ein eben erworbenes zirpend-modern klimperndes Cembalo sofort wieder abgestoßen, glücklicherweise zum Einkaufspreis, und mir eine Kopie nach Ruckers bauen lassen. Und seitdem ich nun schon eine kleine Weile Waldhorn lerne, übe ich natürlich nicht nur auf dem modernen Ventilhorn, sondern auch auf einem Inventionshorn der Mozart-Zeit; seit voriger Woche ist außerdem endlich ein Barockhorn dazugekommen. Alles, weil damals in der Redaktion niemand sonst etwas mit Harnoncourt anfangen wollte. Eigentlich höchste Zeit, sich endlich seine zweite Einspielung der Matthäus-Passion zu besorgen.

Johann Sebastian Bach: Matthäus-Passion, Warner Music

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