Erhebet die Herzen, beuget die Knie – Seite 1

Und das höchste Gut ist doch die Gesundheit!« – kaum eine Geburtstagsansprache kommt ohne diesen Satz aus, und doch ist er blanker Unsinn. Niemals in der gesamten philosophischen Tradition des Ostens und des Westens ist etwas so Zerbrechliches wie die Gesundheit der Güter höchstes gewesen. Noch bei Kant war das höchste Gut die Einheit von Heiligkeit und Glückseligkeit oder Gott. Doch heute ist alles anders. Wir leben im Zeitalter der real existierenden Gesundheitsreligion. Alle Üblichkeiten der Altreligionen sind inzwischen im Gesundheitswesen angekommen. Halbgötter in Weiß, Wallfahrten zum Spezialisten, Krankenhäuser als die Kathedralen unserer Zeit, die das »Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit« erzeugen, das nach Friedrich Schleiermacher Religion charakterisiert. Wir erleben den bruchlosen Übergang von der katholischen Prozessionstradition in die Chefarztvisite. Diätbewegungen gehen als wellenförmige Massenbewegungen übers Land, in ihrem Ernst die Büßer- und Geißlerbewegungen des Mittelalters bei Weitem übertreffend. Unbewusst, aber umso machtvoller richtet sich die religiöse Ursehnsucht der Menschen nach ewigem Leben und ewiger Glückseligkeit heute an Medizin und Psychotherapie. Bei Nichterfüllung Klage, versteht sich.

Ob ein Mensch gesund ist, hängt davon ab, wie oft man ihn untersucht

Doch mit solchen Begehrlichkeiten ist das Gesundheitswesen völlig überfordert. Verschärft wird die Lage noch dadurch, dass im Grunde niemand genau weiß, was Gesundheit eigentlich ist. »Völliges körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden« hatte die Weltgesundheitsorganisation einst dekretiert. Wer aber wäre dann noch gesund? Und ein berühmter Internist stellte augenzwinkernd fest, ob jemand gesund sei, das hänge davon ab, wie viele Untersuchungen man mache. Gesund wäre also ein Mensch, der nicht ausreichend untersucht wurde. Auf diese Weise produziert die Gesundheitsgesellschaft nicht Gesundheit, sondern Unglück.

Die Unerreichbarkeit des Ziels zusammen mit seiner religiösen Verklärung – das ist der Treibstoff für den Gesundheitsboom unserer Tage. Gesundheit bestimmt das ganze Leben. Staatlich geförderte gesundheitsreligiöse Missionskampagnen überschlagen sich, Bonus-Malus-Systeme der Krankenkassen beruhen auf der unbelegten Behauptung, ungesundes Leben belaste die Solidargemeinschaft. In Wirklichkeit handelt es sich um volkspädagogische Maßnahmen.

Es wäre an der Zeit, die Absurdität dieses ganzen Treibens zu entlarven. Doch da sei Gott vor! Genauer gesagt: Der Blasphemieschutz ist inzwischen von den Altreligionen auf die Gesundheitsreligion übergegangen. Über Jesus Christus kann man die albernsten Scherze machen, doch bei der Gesundheit hört der Spaß auf. Der Spruch eines Rauchers »Warum soll meine Lunge eigentlich älter werden als ich?« löst bei gesundheitsgläubigem Publikum alle Reaktionen aus, die im Mittelalter auf Gotteslästerung zu erwarten waren. Gesundheit ist die einzige satirefreie Zone in unserer Gesellschaft. Hier herrschen strenge Regeln der Political Correctness. Als Politiker offen und ehrlich zu sagen, man könne nicht mehr sicherstellen, dass alles medizinisch Mögliche und Sinnvolle für alle getan werde, klänge geradezu gotteslästerlich. Warum aber diese Ehrfurcht, warum die Angst, was ist geschehen?

Unmerklich ist die Lebenszeit der Menschen drastisch zusammengeschmolzen. Während der mittelalterliche Mensch seine diesseitige Lebenszeit plus ewiges Leben vor sich hatte, ist der Glaube an ein Jenseits den westlichen Gesellschaften zunehmend abhandengekommen.

Das Ergebnis ist: Dem heutigen Menschen bleibt nur noch unendlich weniger Lebenszeit übrig – sein begrenztes Leben auf dieser Welt. Je mehr man dessen gewahr wird, desto mehr bricht im Wartesaal des Lebens Unruhe aus. Der Tod ist ausgebrochen im Wartesaal, der endgültige Tod ohne Wenn und Aber. Es hat sich herumgesprochen, dass alle sterben werden, an der Vogelgrippe, an BSE, an Aids, am Leben, ohne Ausnahme, und dass kein Zug mehr fährt, noch nicht einmal nach Nirgendwo. Panik kommt auf, rette sich, wer kann. Mit dem ewigen Leben rechnet zwar keiner mehr, aber wenigstens sterben möchte man nicht.

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»Gesundheit« heißt das Zauberwort. Man muss etwas tun, um gesund zu bleiben, zu werden oder: wieder zu werden. Die Inbrunst, mit der man sich darum bemüht, sich dafür aufopfert, erinnert an Religion. Die Gesundheitsreligion herrscht schichten, partei- und konfessionsübergreifend in jedem Winkel unserer Gesundheitsgesellschaft. Selbst in den Raucherreservaten, die es noch gibt, raucht man mit schlechtem Gewissen. Auch der Begriff Sünde wird heute eigentlich nur noch gesundheitsreligiös verwendet. Etwa beim Verzehr von Sahnetorte.

Auch wer nach einem Leben voller Kasteiung gesund stirbt, ist definitiv tot

Das hat allerdings katastrophale politische Folgen. Ein Politiker, der die Absicht hat, auch weiterhin gewählt zu werden, muss Sätze ausstoßen, die dem Sinne nach bedeuten: Wir wollen für die Gesundheit nicht weniger als alles tun. Dennoch, für die Krise der Gesundheitssysteme sind nicht Politiker verantwortlich, sondern eine im Gesundheitswahn dahintreibende Gesundheitsgesellschaft, die die Politik immer wieder zu halsbrecherischen Kapriolen aufs Hochseil scheucht. Jede demokratische Gesellschaft hat die Politiker, die sie verdient, und solange wir in allen Geburtstagsreden von Flensburg bis Passau Gesundheit als »höchstes Gut« preisen, müssen wir uns nicht wundern, dass Gesundheitspolitik seit mindestens 20 Jahren in Deutschland nicht mehr stattfindet.

Warum? Weil Politik die Kunst des Abwägens ist. Ein höchstes Gut kann man gar nicht abwägen, dafür muss man immer alles tun – oder dies wenigstens behaupten. Erst durch tabulose, nüchterne und realistische Abwägung des hohen, freilich nicht höchsten Gutes Gesundheit würde Gesundheitspolitik endlich wieder möglich. Dazu aber bedarf es zunächst einer breiten gesellschaftlichen Debatte.

Die Gesundheitsreligion ist eine gigantische Anleitung zum Unglücklichsein. Sie suggeriert unerreichbare Utopien und unterhält eine florierende Industrie, die ihren trügerischen Versprechungen die sehnsüchtigen Massen zutreibt. Mit verbissenem Ernst, die Todesdrohung im Nacken, und schuldgebeugt hetzen die Menschen bei Marathonläufen durch die Straßen hässlicher Städte, laufen von Arzt zu Arzt und essen unschmackhafte Sättigungsbeilagen zu einem Leben voller Verzicht und Kasteiung. Um den Tod zu vermeiden, nehmen sie sich das Leben, nämlich unwiederholbare Lebenszeit. Es gibt Menschen, die leben von morgens bis abends nur noch vorbeugend, um dann gesund zu sterben. Doch auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot.

Einsam und untröstlich stirbt der Gesundheitsgläubige in seiner kalten Gesundheitsgesellschaft. Denn die Gesundheitsreligion ist radikal egoistisch. Während die Hochreligionen Judentum, Christentum und Islam immer auch einen sozialen Aspekt hatten, interessiert sich der Gesundheitsgläubige nur für seine Laborwerte, seine Prognose, seine Zukunft. Das macht die Kämpfe in der Gesundheitspolitik oft so hart und rücksichtslos. Wer stirbt, hat verloren.

Unmerklich, aber umso wirkungsvoller hat die Gesundheitsreligion unser Menschenbild verändert. Wenn der gesunde Mensch der eigentliche Mensch ist, dann ist der nicht mehr heilbare, der chronisch Kranke oder gar der Behinderte ein Mensch zweiter oder dritter Klasse, dem man den Eingang zum Leben fürsorglich verwehrt oder den Ausgang mitfühlend erleichtert. So hat die Gesundheitsreligion inzwischen ihren eigenen Fundamentalismus entwickelt. Der Fundamentalismus der Gesundheitsreligion ist die »Ethik des Heilens«. Die Ethik des Heilens ist das Ende der Ethik. Die Ethik war einmal der argumentative philosophische Diskurs über Moral. Doch wenn heute jemand Ethik des Heilens sagt, ist das Ende der Debatte gekommen, dann wird es sakral.

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»Ich weigere mich, einem mukoviszidosekranken Kind zu erklären, aus welchen absurden ethischen Gründen ich ihm nicht helfen soll«, hat ein bekannter deutscher Politiker einmal sinngemäß gesagt. Weist man aber darauf hin, was die scheinbar so absurden ethischen Gründe sind, dass man einen Menschen am Beginn seiner Existenz – einen Embryo also – opfert, um einen anderen Menschen zu heilen, gilt man als zynisch. Immer wieder wird behauptet, mit Hilfe embryonaler Stammzellen könne man irgendwann die Parkinsonsche Erkrankung heilen. Das ist zwar aus neurologischer Sicht eher unwahrscheinlich, wirkt aber als guter Werbespruch.

Wenn wir dennoch für einen Moment davon ausgehen, dass dies gelingen würde und wir morgen Abend im Fernsehen einen Film über eine gelungene Heilung sehen könnten – erst Parkinson-Patient hilflos im Bett liegend, dann nach der Therapie Tennis spielend –, so wäre dies gewiss das Ende der Debatte über embryonale Stammzellen in Deutschland. Wer heilt, hat recht.

Dieser eigentlich gute ärztliche Grundsatz wird, ethisch gewendet, zynisch. Die Menschheit konsumiert sich inzwischen wieder selbst, diesmal zu Heilungszwecken. Mit einem Wort: Das Menschenbild der »Ethik des Heilens« widerspricht radikal dem Menschenbild des Grundgesetzes von der gleichen Würde jedes Menschen, aber es ist zweifellos in unserer Gesellschaft inzwischen mehrheitsfähig. Fragen Sie in der Fußgängerzone, ob man für Menschen, die nicht mehr gesund werden können, genauso viel Finanzen einsetzen soll wie für Menschen, die noch gesund werden können: Sie werden verfassungswidrige Antworten bekommen. Die Bundestagsdebatte über den Umgang mit embryonalen Stammzellen hat gezeigt, dass auch die Abgeordneten in ihrer Mehrheit überfordert waren, das Menschenbild unseres Grundgesetzes gegen die massiven gesundheitsreligiösen Begehrlichkeiten zu verteidigen.

Die Gesundheitsreligion ist die mächtigste und teuerste Weltreligion aller Zeiten. Sie herrscht totalitär mit rigiden Tabus. Ich habe einmal vor etwa 40 Pflegedienstleitungen von großen Krankenhäusern die Lage bei Spätabtreibungen in Deutschland geschildert und am Schluss gefragt, wer das vorher wusste. Zwei Drittel hatten zum ersten Mal gehört, dass man Kinder im Geburtskanal mit einer Kaliumspritze ins Herz töten darf, de facto mit der einzigen Begründung, dass das Kind behindert ist, zum Beispiel eine Hasenscharte aufweist. Diese grausame Tötungsprozedur ist im Gegensatz zur Abtreibung gesunder Kinder nicht rechtswidrig und wird von der Krankenkasse bezahlt. Kölner Gynäkologen sind inzwischen dafür berühmt, dass sie bei Zwillingsschwangerschaften gezielt das behinderte Kind töten können, sodass nur das nichtbehinderte Kind lebend geboren wird. In den vorchristlichen Gesellschaften Europas wurden behinderte Kinder im Gebirge ausgesetzt. Der große humane Fortschritt des Christentums hin zur Sorge um die Schwachen und Bedürftigen ist kein selbstverständlicher Besitz. Er kann auch rückgängig gemacht werden, und dies geschieht bereits unter unseren Augen.

Eine Gesellschaft, die nicht das Alter, sondern die Jugend ehrt, ist unglücklich

All das gilt auch für das Ende des Lebens. Wenn man einen Menschen nicht mehr heilen kann, dann kann man ihm – in den Niederlanden und Belgien ist das inzwischen gesetzlich geregelt – einen »guten Tod« geben: Euthanasie heißt das griechisch übersetzt. Als die niederländische Regierung in Umfragen ermitteln ließ, wie dieses Gesetz umgesetzt wird, kam dabei heraus, dass etwa 900 Niederländer pro Jahr getötet werden, obwohl sie noch bei Bewusstsein sind – und ohne zugestimmt zu haben. Das widerspricht zwar der gesetzlichen Regelung, zeigt aber, dass der Damm bereits gebrochen ist. Mir gegenüber klagte eine Holländerin einmal, in Deutschland würde immer so kritisch über die niederländische Euthanasieregelung gesprochen, dabei sei alles doch ganz seriös geregelt, zum Beispiel durch Ethikkommissionen. Freilich musste meine Gesprächspartnerin zugeben, dass die Praxis in ihrem Heimatland gewöhnungsbedürftig sei. Sie sei gerade vor drei Wochen von einer guten Freundin angerufen worden, die ihr gesagt habe: »Mein Mann stirbt übrigens nächsten Mittwoch und wird nächsten Samstag beerdigt, ich wollte es dir nur schon mal sagen.«

In den Niederlanden sind es vor allem die Ärzte, die laut Umfragen in ihrer Mehrheit inzwischen die Hemmung bei der Tötung von Menschen verloren haben. Wer einmal getötet hat, ist nicht mehr unbefangen. Auch in Deutschland war die Euthanasieaktion der Nazis nur die Exekution von längst publizierten ärztlichen Ideen. Der teuflisch brillant gemachte Nazifilm Ich klage an arbeitet mit einem pathetischen Gesundheitsbegriff und versucht den Zuschauer unter Nutzung des ärztlichen Berufsethos emotional für die mitleidige Tötung einzunehmen.

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Der Philosoph Robert Spaemann hat zu Recht darauf hingewiesen, Barbarei beginne meist mit Sentimentalität. So würden Vernunft und Moral narkotisiert. Dass wir in Deutschland noch keine Euthanasiebewegung haben, verdanken wir einzelnen Persönlichkeiten, die sich mutig dem Trend widersetzen, so dem Präsidenten der Bundesärztekammer Jörg-Dietrich Hoppe.

Als mein in den ersten Abschnitten satirisches Buch Lebenslust erstmals erschien, war ich besorgt, wie es auf wirklich Kranke wirken würde. Damals schrieb mir eine 32-jährige Frau und bedankte sich herzlich. Sie sei ihr Lebtag nie gesund gewesen, sie habe eine schwere Herzkrankheit und sei schon sechsmal am Herzen operiert worden. »Hauptsache, gesund«, diesen Ausspruch halte sie für eine Frechheit. Sie sei nie gesund gewesen, aber sie freue sich ihres Lebens.

Nichts also gegen maßvolle Bemühungen um die Gesundheit. Aber heute geht es darum, die Kunst wiederzuentdecken, in den von der Gesundheitsreligion bloß als defizitär angesehenen Grenzsituationen menschlicher Existenz, in den unvermeidlichen Krankheiten, Behinderungen und Leiden eines Lebens, im Alter und sogar im Sterben Quellen des Glücks zu finden. Behinderung kann auch eine Fähigkeit sein. Manch geistig Behinderter hat mehr menschliche Herzlichkeit als wir »Normopathen«. Krankheit kann der Aufruf sein, ein dahinplätscherndes Leben zum wahrhaft Wichtigen zu lenken. Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt, jede gute Literatur habe mit Leiden zu tun. Und kein Zweifel, eine Gesellschaft, die die Jugend und nicht das Alter ehrt, ist immer eine unglückliche Gesellschaft, denn in ihr schaut schon der 16-Jährige, wenn er in die Zukunft seines Lebens schaut, ins Dunkel seiner Lebenszukunft.

Und wie steht es mit dem Tod, dem Todfeind der Gesundheitsreligion? Freund Hein nannte ihn liebenswürdig eine weisere Zeit. Denn ein unendliches Leben ohne Tod, das wäre die Hölle. Alles wäre korrigierbar, nichts wäre endgültig – und damit alles gleichgültig. Ein solches Leben wäre die totale Langeweile. Nur dadurch, dass wir sterben, wird jeder Moment unseres Lebens unwiederholbar wichtig und kostbar. Die unvermeidlichen Grenzsituationen annehmen, darin besteht die wahre Lebenskunst.

Ein auf diese Weise gelingendes Leben kennt Zeiten der Muße, zweckloser, aber höchst sinnvoller Augenblicke des Genusses und der Lust am Leben. Und es kennt Zeiten des Gottesdienstes, in denen man der Welt im Ganzen zustimmen kann. Heinrich Schipperges, der große Arzt und Philosoph aus Heidelberg, hat recht. »Um gesund zu sein, muss man der Welt im Ganzen zustimmen.«