Ist das nicht eine Enttäuschung? Da tagt ein hochkarätiges Forschergremium vier Jahre lang, um Leitlinien zur wissenschaftlichen Politikberatung zu erarbeiten. Und heraus kommen drei Seiten Papier. Da schickt sich Deutschland endlich an, mit der Gründung einer nationalen Akademie die Politikberatung zu professionalisieren. Und in den fünf Abschnitten und 25 Absätzen, die die Experten in dieser Woche vorgelegt haben, stehen Banalitäten:

Unabhängig soll der Rat sein, die Berufung seiner Mitglieder transparent. Alle wissenschaftlichen Positionen sollen zu Wort kommen (und kompetent vertreten sein). Die Gremien sollen hinreichend, in wichtigen rechtlich-politischen Fragen parlamentarisch legitimiert werden. Ihre Mitglieder müssen finanzielle Interessen und institutionelle Abhängigkeiten offenlegen. Ihre Ergebnisse sollen "innerhalb eines angemessenen Zeitraums nach ihrer Vorlage öffentlich zugänglich gemacht werden".

Das sind doch alles Selbstverständlichkeiten. Muss man so was aufschreiben?

Offenbar muss man. Und die Leitlinien der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften sind bei genauer Lektüre eine kluge Mahnung nach innen wie außen.

Denn die Realität der Politikberatung in Deutschland sieht anders aus: Der Stuttgarter Technikfolgenforscher Ortwin Renn – Mitautor der Leitlinien – hat einmal geschätzt, dass es allein in Berlin etwa 600 wissenschaftliche Beratungsgremien gibt, bundesweit dürften es mehr als tausend sein. Nicht nur zu jedem Thema, zu jeder Position lässt sich offenbar problemlos eine Kommission gründen – im Streit um Stammzellen, Gentechnik, Kernenergie oder den Klimawandel.

Die Rekrutierung wissenschaftlicher Beratungsgremien ist dabei oft undurchsichtig – und daran sind nicht nur die Berufenden schuld, sondern auch die Berufenen. Viele Wissenschaftler verfahren bei der Definition ihrer eigenen Sachkunde sehr großzügig. Der Genetiker wird zum Klonexperten, der Meteorologe zum Klimaforscher. Oft werden nicht Forscher berufen, sondern Forschungsfunktionäre. So basiert die Autorität vieler Gremien nicht auf der Kompetenz, sondern auf der summierten Autorität ihrer Mitglieder. Die forschen längst nicht mehr selbst und geben daher zunehmend Wissen aus zweiter und dritter Hand weiter.

Wie ernst umgekehrt Politiker wissenschaftliche Expertisen nehmen, lässt sich regelmäßig bei der feierlichen Überreichung von 500 oder mehr Seiten geballten Wissens vor laufenden Fernsehkameras beobachten. Zuvor haben Politiker oft nicht nur mit der Auswahl der Gutachter das Ergebnis vorweggenommen. Leicht lassen sich aus 500 Seiten jene zehn Sätze herauspicken, die sie schon immer gerne lesen wollten. Und nach wenigen Sekunden im Rampenlicht verschwinden die beratenden Wissenschaftler wieder in ihren Gremien – und ihre Empfehlungen im Dunkel der Schubladen.