Wenn abends die Büros und Kaufhäuser schließen, gehen Bewohner gewöhnlicher Städte heim. Aber in Jena sieht man sie durch die alten Gassen zur Poetiklesung eilen, zum Hörsaalbau, wohin sie verlegt wurde, des erwarteten Andrangs wegen. Denn es liest heute ein berühmter Mann seine Gedichte über – das Heilige. Na schön, denkt man, Jena, die deutsche Klassik. Dann, Tage später, die gleiche Szene, mitten im Ruhrgebiet: Raoul Schrott in der Zeche Zollverein in Essen, ein roher Saal, wie für Betriebsversammlungen gemacht – und es kommen fast 400 Zuhörer. Heute Abend geht es um Homer.

Raoul Schrott hat ein kleines deutsches Wunder vollbracht. Er hat das Skandalbuch der Saison geschrieben, und es kommt kein einziger Nazi darin vor, nicht der klitzekleinste inzestuöse SS-Mann – nur alte Griechen: Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe. Es ist ein antiautoritärer Skandal, antiprofessoral, antiklassizistisch. Eine Totalrevision.

Was Schrott über den Gründervater des Abendlandes vorträgt, musste Altphilologen, Althistoriker, Schliemann-Freunde in Rage bringen. Ihnen sagt er: Alles falsch! Euer großer Grieche war gar keiner. Sucht Homer nicht länger im ionischen Griechenland – er lebte in Kilikien, in der heute türkischen Kniebeuge zu Syrien hin, wo sich damals Völker, Mythen, alte und neue Schriftkulturen mischten. Dort hat er, ein Schreiber wohl in assyrischem Dienst, seine Ilias aus griechischen Sagen und altorientalischen Tontafel-Epen kompiliert. Und Heinrich Schliemann und sein Dardanellen-Troja könnt ihr auch vergessen. Der Trojanische Krieg fand ebenfalls in Kilikien statt.

In seinem gewagtesten Kapitel verlässt Schrott die fußnotenbewehrte Deckung wissenschaftlicher Argumentation und sprüht ihn an die Wand, seinen ganz neuen, orientalischen Homer: "Vielleicht – und dies ist nunmehr reine Spekulation – war ja nur seine Mutter Griechin." Und sein Vater wohl Mesopotamier, Aramäer oder Phönizier. Zudem sei der frühe Homer "wohl noch etwas grün hinter den Ohren" gewesen, anders als die reife Odyssee wirke seine "ausufernde" Ilias "wie das typische Erstlingswerk eines ehrgeizigen Schriftstellers".

Und dann dies: "Seltsam wirkt auch seine Prüderie." Dazu die notorische Völlerei bei iliadischen Gelagen. Schrott zählt eins und eins zusammen. "Hunger und Wissensdurst als Ersatzbefriedigung und Sublimationsform eines Eunuchen?" Der Dichter der 15693 Hexameter der Ilias – ein orientalischer Schreibstubenkastrat.

Der Mann, der das sagt, ist in Jena mit kleinem Rucksack erschienen: "Den Koffer hat man mir im Zug gestohlen, gleich hinter Innsbruck." Auch sonst wirkt Raoul Schrott wie einer aus der modernen Menge eines gläsernen Flughafens. Dezent dunkle Freizeitkleidung, reisetüchtige Schuhe. Auf Lobreden vorab reagiert er mit der Bemerkung, dergleichen beschäme ihn immer, "weil wir ja nichts anderes sind als Handwerker der Worte".

Ein Homo Faber der Dichtkunst, von Allüren keine Spur. Das Aufgeladene, die Superlative, die ihn umwittern, findet er übertrieben. "Immer diese Auratisierung der Literatur. Wenn du ein bisschen in der Welt herumfährst, bist du gleich der Kosmopolit. Und wenn du ein paar Sprachen verstehst und mit Wörterbuch und Grammatik umgehen kannst, bist du ein Sprachgenie."