Man hört es von netten Menschen unter 30, und sie sagen es mehr zu sich selbst als zu anderen: Nee, ne? Sie kommen nach Hause, und die Küche steht unter Wasser: Nee, ne? Ihr Flug wird gestrichen: Nee, ne? Der Chef brummt ihnen Überstunden auf: Nee, ne? Nee, ne? ist die Kurzform von: "Das kann nicht wahr sein – oder etwa doch?" Weder Proletariat noch Oberschicht benutzen diesen Doppellaut, er steht zaghaft zwischen "Gleich gibt’s auf die Fresse" und "Holen Sie mal Ihren Vorgesetzten". Nee, ne? ist das Selbstgespräch einer Mittel- und Käuferschicht, die es gewohnt ist, transportiert, verwaltet, ausgebildet, beraten und regiert zu werden. Sie hat nicht den Zorn, der das System zerstören könnte, sie begnügt sich mit Ausbrüchen, die das System belüften wie winzige Ventile. Nee, ne? ist, kommunikationstheoretisch, ein geschlossener Kreislauf. Empörung und Abfindung in zwei Silben. Der Sprecher erwartet keine Antwort, er gibt sie sich selbst. Er ist der ins Callcenter hineinrufende ewige Kunde. Wer nee, ne? sagt, weiß, dass Beschwerden sinnlos sind. Es gibt keine Verantwortlichen mehr, nur noch Verantwortungszerstäuber. Und dahinter das Gesetz des Marktes, die höhere ökonomische Gewalt. So ist es, und es wird schlimmer werden. Das müssen wir wohl einfach hinnehmen. Nee, ne? Peter Kümmel

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