Niemand muss an seiner Bildung zweifeln, wenn er mit dem Begriff »Kriegsverrat« nichts anfangen kann. Stammt dieser Terminus doch aus dem deutschen Militärstrafgesetz, das von 1872 bis 1945 gültig war. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging und die NS-Herrschaft zusammenbrach, wurde der Begriff aus dem Verkehr gezogen. Damit verschwand er zugleich vollständig aus dem deutschen Wortschatz, sowohl aus der Alltagssprache als auch aus der juristischen Terminologie. Selbst in den großen Lexika sucht man ihn vergebens. Dort findet man lediglich die verwandten Begriffe Landesverrat und Hochverrat.

Weder das Wort Hochverrat noch das Wort Kriegsverrat gibt uns eine unmittelbare Anschauung von dem Sachverhalt, der damit bezeichnet werden soll. Hochverrat zielt auf den inneren Bestand staatlicher Herrschaft, bezeichnet also ein Verbrechen gegen die verfassungsmäßige Ordnung eines Staates, im Falle des NS-Staates gegen eine terroristische Diktatur. Als Kriegsverrat indes bezeichnete man eine spezielle Form von Landesverrat, nämlich einen von Soldaten während eines Krieges begangenen Verrat, wobei es traditionell um den Verrat militärischer Geheimnisse ging.

Tatsächlich brauchten wir uns für das Thema nicht sonderlich zu interessieren, gäbe es da nicht dieses »letzte Tabu« in der Geschichte der NS-Militärjustiz. Bis zum heutigen Tage weigert sich nämlich der Deutsche Bundestag, die wegen »Kriegsverrats« zum Tode verurteilten Soldaten der Wehrmacht in seine Rehabilitierungspolitik einzubeziehen. Es ist, verglichen mit anderen Opfergruppen der NS-Zeit, nur eine kleine Schar, 68 Verurteilte konnten bis heute ermittelt werden. Doch selbst 2001 noch, als die Deserteure des Zweiten Weltkriegs endlich pauschal rehabilitiert wurden, schreckten die Abgeordneten unverständlicherweise davor zurück, auch diesen Menschen im Nachhinein Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Offensichtlich hatten die Volksvertreter überhaupt keine klaren Kenntnisse davon, aufgrund welcher Tatbestände das Reichskriegsgericht, das von 1939 bis September 1944 meist zuständig war, Soldaten wegen Kriegsverrats verurteilte. Wahrscheinlich wirkte hier zudem eine Vorstellung fort, die im nationalistischen Denken des 19. und 20. Jahrhunderts verbreitet war, eine Vorstellung, mit welcher der ehemalige Generalrichter am Reichskriegsgericht Manfred Roeder noch in den fünfziger Jahren die Willkürentscheidungen der NS-Militärjustiz zu rechtfertigen versucht hatte: »Landesverrat hat immer und zu allen Zeiten als das schimpflichste Verbrechen gegolten.«

Auf dieser ideologischen Basis hatte Richter Roeder unter anderem an 46 Todesurteilen wegen Hoch- oder Kriegsverrats gegen Mitglieder der Berliner Widerstandsgruppe Rote Kapelle mitgewirkt, der Männer und Frauen aller sozialen Schichten und politischer Couleur angehörten.

1934, also schon zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft, erfuhr der einschlägige Paragraf 57 des Militärstrafgesetzes eine entscheidende Änderung. Sie sah für Kriegsverrat generell die Todesstrafe vor. Gleichzeitig fielen alle konkreten Tatbestandsbeschreibungen, die vordem im Gesetz aufgelistet waren, zugunsten allgemeiner Formulierungen weg. Wegen Kriegsverrats wird bestraft, so hieß es jetzt, wer es unternimmt, »der feindlichen Macht Vorschub zu leisten und der Kriegsmacht des Reiches oder seiner Bundesgenossen einen Nachteil zuzufügen«. Das aber war eine Definition, die sich beliebig ausdehnen ließ, ein tödlicher Satz.