Baris Arkan läuft schnell und geduckt durch den Regen im Berliner Wedding. Jeden Tag ist er unterwegs in den Straßen des Brunnenviertels, klingelt an Haustüren, rennt die Treppen hoch, plaudert mit türkischen Vätern, lässt sich von arabischen Müttern Tee kochen. Dann flitzt er wieder zurück zur Ernst-Reuter-Oberschule, hört, was der Schultag so brachte, ob es eine Schlägerei gab, welcher Lehrer seine Hilfe braucht. Dann telefoniert er mit Familien von Schulschwänzern und Sitzenbleibern, fragt, wann er kommen kann. Baris Arkan ist Elternlotse im Berliner Brunnenviertel. Er lädt zu Elternabenden ein, vermittelt zwischen Schule und Familie und redet mit den Eltern, wenn die nicht mit den Lehrern reden wollen. Arkan ist ein wichtiger Teil eines großen Experiments. Es nennt sich »Bildungsverbund Brunnenviertel«, umfasst sieben Schulen und wurde ausgerechnet von einem Berliner Wohnungsunternehmen initiiert. Was schert sich ein Vermieter um die Lage der Schulen, und warum schafft es ausgerechnet ein Immobilienunternehmen, sieben von ihnen zu vernetzen, die sich zuvor gerade so vom Namen kannten?

Um das zu verstehen, muss man etwas mehr über das Brunnenviertel wissen. Baris Arkan kennt es seit 28 Jahren. »Als ich zur Schule ging, waren wir vier Migrantenkinder in meiner Klasse«, sagt er. Arkan lernte Deutsch und spricht es heute fließend. Seine eigenen Kinder aber finden auf den Spielplätzen im Viertel kaum noch deutsche Freunde. Die sind mit ihren Familien längst weggezogen. Genau wie die türkischen Bekannten Arkans, die im Brunnenviertel keine Zukunft mehr sehen. Am liebsten würde Arkan ihnen folgen. Sein Sohn geriet in eine erste Klasse, in der alle Kinder türkischer oder arabischer Herkunft waren. Arkan nahm ihn von der Schule.

Es ist schwierig, im Brunnenviertel noch Schulen zu finden, in denen der Anteil ausländischer Kinder weniger als 80 bis 90 Prozent beträgt. Zwar wurden viele von ihnen in Deutschland geboren, besitzen die Staatsbürgerschaft dieses Landes, seine Sprache und Kultur aber sind ihnen fremd geblieben.

Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, sagen die Lehrer über ihre Arbeit im Brunnenviertel: Schüler, die die Schule schwänzen, nur noch unterdurchschnittliche Leistungen bringen, zunehmend gewaltbereit und aggressiv sind, die Schule ohne Zeugnis abbrechen, in der Perspektivlosigkeit landen. Daneben Eltern, die sich nicht für die Schule interessieren, denen das deutsche Bildungssystem fremd bleibt. Und dazwischen sie selbst, die Lehrer, die nie darauf vorbereitet wurden, Klassen zu unterrichten, in denen kein deutsches Kind mehr sitzt. Und die der Elan verlässt, wenn ihnen die Behörden noch mehr Unterrichtsstunden pro Woche abverlangen und dabei schlicht ignorieren, dass sie alle längst einen Nebenjob als Sozialarbeiter ausüben, um den Wahnsinn eines ganz normalen Schultags im Brennpunktviertel überhaupt bewältigen zu können.

Genau dort, wo die Ostberliner früher den verheißungsvollen Westen vermuteten, beginnt das Brunnenviertel. Gleich hinter dem Mauerstreifen, der noch immer wie eine aufgeplatzte Narbe zwischen Wedding und Prenzlauer Berg liegt und die beiden Stadtteile voneinander fernhält. Verheißungsvoll ist im Brunnenviertel nichts mehr. Leere, verwahrloste Geschäfte neben Billigramsch und Secondhand. Dazwischen viel Nichts, Armut und Depression. Segregation nennen Soziologen und Stadtplaner das, was dem Brunnenviertel in den vergangenen Jahren passiert ist. Das Gebiet entmischt sich. Die bürgerliche Mitte ist ausgezogen. Was zurückbleibt, sind Hartz-IV-Empfänger, »die Schwächsten der Schwachen«, wie es Schulleiter Wilfried Kauert von der Willy-Brandt-Oberschule formuliert. In vielen Familien sind die schulpflichtigen Kinder die Einzigen, die morgens aufstehen müssen.

Die Lehrer haben es zuerst gespürt, dass das Viertel kippt. Erst kamen keine deutschen Eltern mehr zu den Anmeldungen. Später wandten sich auch die bildungsbewussten türkischen Familien mit einem »Nein, danke« ab, als sie auf den Schulhöfen nur ausländische Kinder toben sahen. Plötzlich stand das Wohnungsunternehmen Degewo, das 5.000 Wohnungen im Viertel vermietet, vor einem bedrohlichen Leerstand. Eine Sozialerhebung ergab, dass der Hauptgrund für den Wegzug stabiler und solventer Mieter, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, der schlechte Zustand der Schulen im Brunnenviertel war. »Es musste etwas passieren«, erinnert sich Degewo-Vorstand Frank Bielka. »Wir sehen uns in der Verantwortung, für eine soziale Mischung in den Vierteln zu sorgen. Andererseits war uns klar, dass wir die fehlende Klientel erst wieder zurückbekommen werden, wenn sich die Bildungssituation im Viertel verbessert.«

So entstand der Bildungsverbund zwischen vier Grundschulen, zwei Oberschulen und einem Gymnasium. Die Schulen reagierten unterschiedlich auf das Vorhaben. Ausgerechnet sie, die sowieso mit dem Rücken zur Wand standen, sollten nun auch noch die Anziehungskraft eines ganzen Stadtgebietes erhöhen. Trotzdem erschien der Bildungsverbund wie eine Art Rettungsanker, der so manches Lehrerkollegium aus der Resignation holte. Seit drei Jahren reden die sieben Schulen nun gemeinsam über Sprachförderung, Schülermotivation, Personalentwicklung und Elternarbeit. Sie entwickeln Konzepte, probieren diese gemeinsam aus, sprechen sich ab – keiner kämpft mehr allein.