DIE ZEIT: Es gibt Schulen in Deutschland, vor allem in den sozialen Brennpunkten der Großstädte, auf die kaum noch ein deutsches Kind geht. Was bedeuten solche Lernsituationen für die Migrantenkinder, die dort unter sich bleiben?

Petra Stanat: An diesen Schulen kommen oft mehrere Aspekte der Benachteiligung zusammen, die es schwieriger machen, Kinder optimal zu fördern. Die Schüler haben nicht nur einen Migrationshintergrund, sondern kommen auch aus eher bildungsfernen Familien, und sie haben weniger Vorwissen. Wir fokussieren im Moment stark auf den Migrantenanteil an den Schulen, aber es spricht bislang wenig dafür, dass dies der entscheidende Faktor ist. Vergleicht man Schulen mit geringem und hohem Migrantenanteil miteinander, dann zeigt sich, dass ein hoher Migrantenanteil einen negativen Effekt auf die Schülerleistungen hat. Wenn man aber zusätzlich berücksichtigt, dass die Kinder aus sozial schwachen Familien kommen, geht der Effekt des Migrantenanteils zurück. Bezieht man außerdem noch das geringere Vorwissen der Kinder ein, ist der Effekt kaum noch bedeutsam. Nur in Schulen, in denen mehr als 40 Prozent der Schüler aus zugewanderten Familien stammen, ist noch ein zusätzlicher Leistungsnachteil zu beobachten.

ZEIT: Aber Pisa hat gezeigt, dass die Migrantenkinder zu den am stärksten benachteiligten Gruppen im deutschen Bildungssystem gehören? Petra Stanat, 44, arbeitet als Professorin für empirische Bildungsforschung an der FU Berlin BILD

Stanat: Dies liegt unter anderem daran, dass die Zuwanderer in Deutschland zum großen Teil über einen geringen Bildungsstand verfügen und sozioökonomisch benachteiligt sind. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer verringern sich zwar die Leistungsnachteile der Kinder, allerdings ist diese Tendenz in der Gruppe der Migranten türkischer Herkunft nur schwach ausgeprägt. Selbst wenn sie in Deutschland geboren sind und ihre gesamte Schullaufbahn hier absolviert haben, liegen diese Kinder in ihren Leistungen zwei bis drei Jahre hinter ihren deutschen Mitschülern zurück.

ZEIT: Welche Rolle spielt die Zusammensetzung der Schülerschaft an den Schulen?

Stanat: Wir wissen, dass in Schulen mit einem hohen Anteil von Kindern aus benachteiligten Familien geringere Leistungen erzielt werden. Es gibt aber wenige Erkenntnisse über die Prozesse, die dabei eine Rolle spielen. Eine Annahme ist zum Beispiel, dass sich in solchen Schulen unter den Jugendlichen eine Kultur entwickelt, die sich durch mangelndes Interesse an Schule und Lernen auszeichnet. Möglicherweise spielen auch niedrige Leistungserwartungen von Lehrkräften eine Rolle. Außerdem scheint sich die Arbeitslosigkeit der Eltern negativ auf die Leistungen auszuwirken. In solchen Kontexten könnte das Gefühl entstehen, Leistung lohne sich nicht. Andererseits sind aber gerade Einwandererkinder besonders motiviert, in der Schule erfolgreich zu sein. Ihre Eltern haben hohe Erwartungen an die Bildungslaufbahn der Kinder – allerdings oft unrealistische, etwa wenn türkische Eltern eines eher schwachen Hauptschülers meinen, dass ihr Kind studieren sollte.

ZEIT: Man fragt sich in vielen Fällen, wo die Schülermotivation im Laufe der Jahre bleibt.