Huber sagt, dies sei ein Fall, den habe noch keiner erlebt. Ein einzigartiger Fall in der deutschen Kriminalgeschichte, das müsse man klar sagen, sagt Huber, da man über diesen Fall bis heute gar nichts Klares sagen könne. Huber ist der Frau seit exakt zwölf Monaten auf der Spur. Genau genommen nicht ihr selbst: Ihrer Spur ist er auf der Spur. Die Frau könnte eine Serienmörderin sein, muss es aber nicht. Tatbeteiligt war sie immer. Ihre Opfer sind alt wie jung, männlich wie weiblich. Es gibt keine Strategie, kein Muster, kein Motiv, keine Kohärenz, keine inneren, keine äußeren Zusammenhänge.

Huber ist 40 und sein Händedruck gewaltig. Er habe schon jünger ausgesehen, sagen Kollegen. Huber weiß nicht, wem er auf der Spur ist. Er kennt nur den genetischen Code einer weiblichen Person, die er nicht kennt. »Ist dieser Fall nicht ein Albtraum für jeden Ermittler?« Nein, sagt Huber, aber er träume von der Frau. »Ist da Bewunderung im Spiel, für ihre operative Intelligenz?« Bewunderung – um Gottes willen, nein, sagt Huber, die Frau verhalte sich auch unerhört dilettantisch. »Dilettantisch unvorsichtig?« – »So isches«, sagt Huber. Meistens sind seine Lippen schmal. »Umso erstaunlicher, dass sie seit 15 Jahren frei herumläuft.« – »Letschtendlich ja«, sagt Huber. Die Sache klingt so ungeheuerlich, dass er manchmal lachen muss.

Die Frau hat kein Gesicht und keine Gestalt, kein Alter, keinen Namen, keine Nationalität, keine Muttersprache. Niemand kann sagen, ob sie blond oder brünett ist, dunkelhäutig oder weiß, groß oder klein. Wer sie gesehen haben könnte, schweigt bisher. Wer sie gesehen haben muss, leugnet. Aus Angst vermutlich. Huber weiß nicht, warum. 100.000 Euro Belohnung sind ausgeschrieben, und keiner bricht das Schweigen. Die Frau beschäftigt seit 1993 europaweit über 100 Polizisten, Ermittler und Kriminaltechniker. Mit ihrer Spur sind sechs Sonderkommissionen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Österreich, vier Bundesländer, vier Staatsanwaltschaften und mindestens vier Polizeidirektionen in vorderster Dringlichkeit befasst. Bunte Medien bezeichnen sie als »Phantom«.

Huber sagt, sie sei kein Phantom. Die Frau existiere. Das wisse man. Huber nennt sie kurz »UWP«, unbekannte weibliche Person. All das, sagt Huber, sei mysteriös. Mysteriös heißt nicht frustrierend, kommt aber nahe an frustrierend heran. Stärkere Emotionen lässt Huber nicht zu. Man müsse diesen Frank Huber zum Urlaub zwingen, sagt Peter Lechner, Sprecher der Kripo Heilbronn. Dieser Fall, hat Lechner gerade einem US-Magazin und dem französischen Frühstücksfernsehen gesagt, sprenge alles je Dagewesene: Huber und seine Leute hätten 3000 Spuren erfasst und 2400 bearbeitet. Es habe darunter nicht einen einzigen konkreten Hinweis auf die Frau gegeben. Tausende von lauwarmen, kühlen und kalten Spuren.

Waren es zwei Schüsse? Vielleicht. Vielleicht mehr. Aber mindestens zwei

Jede neue Spur führe von alten Hypothesen fort, eröffne letztendlich aber auch neue Chancen. Letztendlich. Das sagt Huber in jedem dritten Satz. Optimismus ist anstrengend. Irgendwie ist das mittlerweile eine Art Duell: Apparat gegen Code, Mensch gegen Zahl, Staat gegen Zelle, Huber gegen die Frau. Es ist ein Fahnden im Konjunktiv, ein Ermitteln im Diffusen. Wer sich im Einzugsbereich von Logik und Effizienz bewegt, tut sich schwer mit dem sporadischen Aufblitzen des Bösen in Form eines unbeseelten Gencodes. Eindeutig klar ist bis zum heutigen Tag nur eines: UWP läuft frei herum. Irgendwann könnte sie zum siebten Mal morden oder an einem Mord beteiligt sein. Huber hat Hoffnung. Er muss Hoffnung haben, letztendlich, weil er die Hoffnung von Staatsanwaltschaft, Präsidium und Politik ist. Man setzt auf ihn. Seit dem 25. April 2007, sagt Huber, lebten er und seine Familie mit dieser Frau, Tag und Nacht. Über Heilbronn fällt kalter Regen. Im Süden ist das selten, Ende April.

Ein Jahr zuvor steht um diese Zeit nicht eine Wolke am Himmel über Heilbronn, 30 Grad werden gemessen. Der 25. April ist ein Mittwoch. Auf der Theresienwiese zwischen Neckarkanal und General-Wever-Turm bauen Schausteller Zelte und Fahrgeräte für das Frühlingsfest auf. Die Stellwerker der Bundesbahn sehen von ihrem Turm in 20 Metern Höhe, dass um die Mittagszeit ein Polizeiwagen in der Mitte der rechten Hälfte des geschotterten Platzes parkt, im Schatten des Umspannwerks aus rotem Backstein. Huber sagt nicht, dass die Fenster des BMW heruntergelassen gewesen seien. Das sagen die Stellwerker. Die Polizei vespere wieder, hätten sie gewitzelt. Jeden Tag habe ein Polizeiwagen vorm Umspannwerk gestanden, Mittagszeit, Mahlzeit.