Und was kommt jetzt?"

"Nichts kommt jetzt. Lass einfach locker. Atme den Wind. Hör der Brandung zu. Entspann dich!"

"Okay. Und was dann? Man muss hier doch etwas tun können…"

"Nein. Gar nichts kann man tun. Nicht auf dieser Insel. Darum geht es doch. Wann kapierst du das endlich?"

Das fängt ja gut an. Selbstgespräche schon am ersten Tag. Dabei ist alles so schön, wie ich es mir erhofft hatte. Ich schaukele in einer Hängematte unter wispernden Palmwipfeln und schaue Schmetterlingen beim Taumeln zu. Lichtspeere bohren durch die Mahagonikuppeln, und am Strand gleißt überirdisch weißes Muschelpulver. Aber es nützt nichts. Ich bin ganz aufgebracht vor lauter Nichtstun und Alleinsein. Die letzten Menschen habe ich vor Stunden gesehen: den puderzuckerweiß uniformierten Inselkapitän, der mich heute Morgen mit seiner Jacht vom Flugplatz auf Union Island abholte, und Charlie, den jovialen amerikanischen Resortmanager mit dem lustigen Sonnenbrand auf der Nase. "Willkommen in der Abgeschiedenheit!", hatte er bei meiner Ankunft deklamiert und hinzugefügt: "Dies ist ein Ort für Leute, die sich in ihrer Haut wohlfühlen." Allmählich dämmert mir, was er meinte.

Petit St. Vincent ist nicht irgendeine Insel. Petit St. Vincent ist die Insel schlechthin. Das karibische Privateiland gehört zum Zwergstaat St. Vincent und die Grenadinen, ist gerade mal so groß wie ein Golfplatz und schwimmt in Form eines freundlichen grünen Comicwals im Meer. Wenn es einen Ort gibt, von dem ausgedunkelte Winterseelen träumen – hier ist er. Wer ihn besucht, lernt nicht Land und Leute kennen, sondern betritt eine unbestimmte Blaupause der Karibik, in der er sich selbst genug sein will. So wie ich in dieser Woche. Ohne Frau, ohne Kind, ohne Kumpel.

Selbst mit geschlossenen Augen sehe ich alles blaugrüntürkis

Für meine Weltflucht gibt es ein Hotel, das genauso heißt wie die Insel. Mehr Infrastruktur existiert nicht. Als sein Gast bewohne ich ein luftiges Cottage aus Lavasteinen und Teakhölzern. Es wirkt wie eine tropische Luxus-Skihütte. Und völlig einsam. Nicht mehr als 22 solcher Häuser verteilen sich auf knapp 50 Hektar. Alle sind so weit voneinander entfernt und so geschickt hinter Klippen oder im Dschungelpelz versteckt, dass ihre Bewohner glauben, sie seien allein auf der Insel. Darum gibt es auch keine Rezeption, keinen Check-in und keine Schlüssel. Anstatt auf Fünf-Sterne-Schnickschnack setzt das Refugium auf Minimalismus. Mein Cottage hat kein Telefon, kein Internet, keinen Fernseher, keine Klimaanlage, keine Uhr und keinen Wecker. Wenn ich dem Personal etwas mitteilen will, benutze ich zwei Flaggen vor der Tür. Hisse ich die gelbe, habe ich einen Wunsch, weht die rote, möchte ich meine Ruhe.

Gut, dass ich mich mit einem Dutzend Bücher gerüstet habe. Sie türmen sich am ersten Nachmittag neben meiner Hängematte am Strand. Jetzt wird gelesen, stundenlang! Doch es klappt nicht. Gerade ein paar Sätze komme ich voran, dann muss ich wieder den Finger zwischen die Seiten klemmen und auf dieses maßlos kobaltblau-türkisgrüne Funkeln und Leuchten der karibischen See starren. Also weg mit dem Buchstabenbrei. Ich werfe das Buch aus der Hängematte und lasse diesen Farbcocktail vollends von mir Besitz ergreifen. Nach und nach strömt er in mein Hirn und färbt den Verstand ein. Selbst wenn ich die Augen schließe, ist alles blaugrüntürkis. Erst jetzt herrscht Friede. Endlich.

Als mir das Zeitgefühl vollends entgleitet, raschelt es im Gebüsch. Vor mir steht ein Kellner im Hawaiihemd. Mit Tablett und Stoffserviette und einem nichts als breiten Lächeln im schwarzen Gesicht. Es ist, als habe er gerade seinen Auftritt in einem Bühnenstück. "Hazron" steht auf seinem Namensschild. Er rückt ein Basttischchen heran und serviert gegrillten Hummer und ein Glas Weißwein. Wie aufmerksam! Ich möchte ihn umarmen. Dann fällt mir ein, dass ich den Imbiss ja selbst bestellt habe. Einen Steinwurf entfernt gibt es im Unterholz eine Flaggenstation, an der man ein Formblatt mit dem Gewünschten ausfüllt und die Nummer seiner Hängematte einträgt. Im Anschluss hisst man die gelbe Fahne. Jede Viertelstunde fährt jemand in einer Art Golfkarre geräuschlos daran vorbei und nimmt die Bestellung auf.