Meist liest sich das so: Irgendein benachbartes Land liege der jungen, bei uns leider völlig unbekannten Sängerin zu Füßen. Verblüffend sei dabei vor allem deren stimmliche Reife, die man weder ihren blonden Haaren noch ihrem Alter, noch ihrem zierlichen Äußeren zutrauen würde.

Aber so ist es. Welch ein Glück, dass irgendeinem bekannten Pianisten/Produzenten/Prominenten ein Demotape zugespielt wurde, das diesen aufhorchen ließ. Der arrangiert ein paar Folk- und Popsongs und schon belegt sie die Nummer eins der betreffenden Charts noch vor Norah Jones!

Man sollte nicht miesepetrig sein. Wer in den neunziger Jahren zu Recht die abwesenden weiblichen Stimmen im Jazz beklagte und mit Diana Krall und Jane Monheit (wo ist sie geblieben?) späte Frühlingsluft witterte, der wird seit zehn Jahren von einer Sängerinnen-Flut beglückt, die jeden Liebhaber überfordert. Skandinavierinnen zuhauf, die keinen Bossa Nova verachten, Deutsche, die das Great American Songbook als Volksliedfibel behandeln, Holländerinnen, denen alles Klang ist. Es könnte das Paradies sein, würde aus der Reibung zwischen Fremdem und Eigenem etwas Neues entstehen, etwas Unerhörtes. Doch selten berührt das Ohr eine Musik wie Baresha, wie die Lieder der unbekannten Elina Duni, die auf ihrem ersten Album albanische, griechische und bulgarische Songs in Jazz verwandelt, ohne sie und sich unter Wert zu verkaufen.

1981 im kommunistischen Albanien in einer regimekritischen Künstlerfamilie geboren, stand sie im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal auf der Bühne. Nach dem Regierungssturz kam sie 1992 mit ihrer Mutter in die Schweiz, studierte klassisches Klavier, setzte ihre musikalischen Studien am Collège de Saussure fort, an dem Ort, an dem sie den Jazz entdeckte. Es ist die Entfernung zur Heimat, die einst um 1900 den Jazz entstehen ließ, es sind die Auswanderer, die Immigranten, die Bewohner des inneren und äußeren Exils, die heute den Jazz retten werden. Man darf nur nicht vorgeben, man sei in der Fremde zu Hause. Und so singt Elina Duni jetzt in Bern wohnend die schwermütigen und poetischen Lieder des Balkans mit aller Kraft der Trauer und im Tempo der lebenslustigen Verzweiflung.

Und ein Zweites: Das Fremde wird im begleitenden Trio gespiegelt, nicht aufgehoben oder eingebürgert. Die Schweizer Colin Vallon (Piano), Bänz Öster (Bass) und Norbert Pfammatter (Schlagzeug), mit denen Elena Duni seit 2004 zusammenspielt, setzen ihre schmeichelnden oder aufrührerischen Kommentare und Klänge dagegen, sie spielen Quartett, keine »Sängerin plus Trio«-Variation. Nur wenn es französisch wird, wenn Elena Duni ihrer Liebe zu Serge Gainsbourg und Léo Ferré freien Lauf lässt, verfällt die Musik ins angenehm Beliebige, liegt Frankreich zu nahe an der Schweiz. Dann wird das Quartett wieder zum Trio und gibt jeden Widerstand auf.

Elina Duni: Baresha

Meta 039, www.metarecords.de