Beinahe ein Vierteljahrhundert. So lange war es dem Techniker Josef F. gelungen, sein Doppelleben aufrechtzuerhalten. Der siebenfache Familienvater ging der Tätigkeit in seinem Ingenieurbüro nach. Mit seiner Frau Rosemarie zog er auch die drei Enkelkinder groß, von denen er behauptete, seine Tochter Elisabeth, die er vermisst gemeldet hatte und die vielleicht in die Fänge einer Sekte geraten sei, habe ihm die Säuglinge vor seine Haustür in der Ybbsstraße in Amstetten gelegt, weil sie nicht für ihre Kinder sorgen könne. "Rührend", sagen heute viele Nachbarn, habe sich die Großmutter um ihre Enkelkinder gekümmert. "Vom Mund abgespart" habe sie sich etwa den Musikunterricht für ihre kleinen Schützlinge, erzählen nun die Polizeiermittler.

Jetzt sitzt der Schock tief in der Kleinbürgerwelt im Amstettener Ortsteil Greinsfurth – und darüber hinaus im ganzen Land. Plötzlich wurde ein ehrbares Mitglied der Gesellschaft, ein Durchschnittsbürger, als monströser Gewaltverbrecher entlarvt. Während draußen der Alltag mit all seinen Höhen und Tiefen dahingeplätschert war, hatte dieser Mann in einem Kellerverlies mit seiner versklavten Tochter sieben Kinder gezeugt, hatte bei sieben Geburten nach dem Rechten gesehen. Einen Säugling, der, kurz nachdem er zur Welt gekommen war, starb, verbrannte er im Heizofen. Drei seiner Kinder nahm er als Großvater zu sich in den Familienverband. Die anderen drei verdammte er als väterlicher Tyrann dazu, weiterhin in der Unterwelt, die er geschaffen hatte, dahinzuvegetieren.

Alle Kontrollmechanismen, die eine Gesellschaft schützen sollen, versagten

Bei dieser haarsträubenden Tat versagen fast alle Versuche, der Gesellschaft ein beruhigendes Erklärungsmuster anzubieten. Hier handelt es sich nicht um einen Eigenbrötler oder Sonderling, der seine Existenz sorgfältig abgeschottet hatte und dort sein Unwesen trieb. Josef F. gehörte keiner Randgruppe an, auf ihn traf keiner der vielen Verdachtsmomente zu, die auf das Gefahrenpotenzial in der Gesellschaft aufmerksam machen wollen. Ihm vertrauten das Vormundschaftsgericht und die Sozialbehörden. Bei ihm versagte jeder Kontrollmechanismus. Bei einem wie ihm sind auch all die teuren Überwachungsinstrumente unwirksam, mit denen sich die moderne Gesellschaft zu schützen versucht – nicht nur, weil er so ganz und gar der sozialen Norm entsprach, sondern auch, weil er sich selbst zum Leidtragenden einer heimtückischen Bedrohung stilisierte, welche die allermeisten nur vom Hörensagen kennen.

Ein treusorgender Familienpatriarch, der sein Kind an eine mysteriöse Gruppe verloren haben soll, deren finstere Gebräuche man nur aus den Sensationsgeschichten der Medien kennt, erweckt zumeist Mitleid. Verdacht erregt er hingegen kaum. Die Legende, die Josef F. den Behörden, den Nachbarn, den Geschwistern der Verschollenen und sogar der eigenen Frau aufgetischt hatte, passte zu gut zu jenen Zeitphänomenen, welche die Gesellschaft verstören. Die Bereitwilligkeit, solche Geschichten zu glauben, ist offensichtlich weit verbreitet.

Der Ausnahmezustand verwandelte sich in eine bizarre Alltagssituation

Jedenfalls ist sie größer als die Bereitschaft, zumindest die Erwägung anzustellen, der eigene Vater, ein solider Bürger, könnte in irgendeiner Weise in Beziehung zum Verschwinden seiner Tochter stehen. Bemerkenswerterweise waren die öffentlichen Mutmaßungen im Fall der entführten Natascha Kampusch da weit weniger zimperlich. Immer wieder war deren allein erziehende Mutter Verdächtigungen ausgesetzt, ihre Hände im Spiel gehabt zu haben. In Amstetten hingegen erschien es plausibel, dass eine scheinbar gut behütete junge Frau in die Klauen von Teufelsanbetern geraten sein könnte. Davon hört man ja immer wieder. Väter aber, die sich an ihren Töchtern vergehen, haben im Vorstellungshorizont dieser Durchschnittsbürger keinen Platz. Hinter den heilen Fassaden ihrer Familienwelten geschehen solche Dinge nicht. Warum eigentlich? Eine Faustregel von Sozialwissenschaftlern und Psychiatern besagt, dass sich 75 Prozent aller Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in der Familie ereignen.