"Schlampe!" – So einfühlsam adressierte die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel unlängst eine verdiente Fachkraft in einem Lampengeschäft. Was hatte die kluge und liebenswürdige Professorin zu dieser Entgleisung bewegt? Sie checkte gerade ihre E-Mails, war gleichzeitig an einer mobilen Telefonkonferenzschaltung beteiligt und wollte zudem eine Lampe kaufen. Als die Verkäuferin nicht richtig reagierte, war auch das multitaske weibliche Gehirn überfordert, mit den beschriebenen Folgen.

Schuld an solchem Verhalten ansonsten tadelloser und distinguierter Mitglieder unserer Gesellschaft ist ein Gerät namens BlackBerry – bzw. seine wesentliche Funktion, überall E-Mails empfangen und senden zu können. Gleichzeitig kann der Schwarzbeernutzer telefonieren, SMS und MMS versenden, im Internet surfen, das Adressbuch aktualisieren und den Kalender mit Terminen füllen. Und alle Daten werden laufend synchronisiert, das heißt per Push-Dienst vom Server auf das Handheld übertragen und vice versa.

In voller Konsequenz genutzt, erhalten Chefs die unumschränkte Macht über ihre Mitarbeiter, die sich dank der elektronischen Fußfessel in Leibeigene verwandeln. Den ständig erreichbaren Chefs selbst verschafft das Gerät eine ungeheure Bedeutung, weil sie wiederum jederzeit Nachrichten von ihren Oberchefs empfangen. Da auch auf gleichen Hierarchiestufen fortwährend gemailt, zurückgemailt und wieder rückbestätigt wird und alle wieder alle auf "cc:" setzen, flitzen sekündlich weltweit Millionen und Abermillionen von Daumen über die viel zu kleine Buchstabentastatur.

Kollateralschäden dieses Rausches aus Omnipräsenz und größter Wichtigkeit sind ganz profane Sehnenscheidenentzündungen, verbale Entgleisungen (siehe oben) und Unfälle. So kommen nicht nur Autofahrer zu Schaden, die beim gierigen Lesen ihrer E-Mails die Gewalt über das Auto verlieren, sondern auch Fußgänger, die bei der gleichen Verrichtung den rasenden Verkehr um sich herum ganz verzückt ignorieren. Im Extremfall führt der BlackBerry zu zerrütteten Ehen. Letzteres vor allem bei den sogenannten CrackBerrys, die das Gerät immer scharf auf dem Nachttisch liegen haben und bei einer eintreffenden Meldung die ehelichen Pflichten vergessen. Es soll Ehepartner gegeben haben, die drohten, das satanische Spielzeug ins Klo zu werfen. Ist die Erfindung des BlackBerry also Teufelswerk? Oder hat das Gerät auch gute Seiten, entlastet viel reisende Mitarbeiter, Chefs, Oberchefs bei der Arbeit, ermöglicht schnelle Entscheidungen?

Vielleicht verhält es sich mit dem BlackBerry ja wie mit einem guten St. Émilion Grand Cru. Täglich ein Glas – und der Trinker wird 20 Jahre älter. Täglich eine halbe Flasche – und der Trinker ist ein wenig süchtig. Täglich eine ganze Flasche – und der Trinker bekommt neben einer großen roten Nase einen schweren Dachschaden. Wer also (noch) kann, sollte lieber klug entscheiden zwischen Genuss oder der unerträglichen Erreichbarkeit des Seins.

Dr. Rainer Esser ist Geschäftsführer des Zeitverlags