Immer dann, wenn sich die Fehler häufen, meldet sich aus dem Computer diese Stimme. "Du hast wohl einen schlechten Tag heute", sagt sie. Wolfgang Klug hat gerade das Notebook auf dem Schoß und übt seit einer halben Stunde die Verwendung von Gerundien in der englischen Sprache. Der Maschinenbauer ist weit weg von zu Hause, auf Dienstreise, aber abends im Hotelzimmer ist die beste Zeit für ein paar Lektionen. Meistens. "Irgendwie merkt das System, wenn ich zu müde bin", sagt der Maschinenbauingenieur seufzend – der digitale Lehrer, so scheint es, kennt seinen Schüler inzwischen ganz gut.

Das ist nur eines der Features moderner Lernsoftware, die dafür sorgen, dass E-Learning gerade einen späten Boom erlebt. Zwar gibt es schon seit mehr als zwei Jahrzehnten Versuche, den Computer zur Lernmaschine für Kinder und Erwachsene aufzurüsten. Doch in den neunziger Jahren wurde Lernsoftware noch als fragwürdiges Spielzeug für Computerfreaks belächelt. Erst jetzt, sagt Wilfried Hendricks vom Berliner Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft, "ist das Internet dabei, sich als Lernmedium zu etablieren".

Dass die PC-Pädagogik nicht schon früher auf dem Markt eingeschlagen ist, liegt vor allem an der technischen Entwicklung. Bei den Übungsdisketten der neunziger Jahre, auf die gerade mal der Inhalt einiger Arbeitsblätter passte, war die am weitesten verbreitete Animation noch das Galgenmännchen: Wer sich, wurde er vom Computer abgefragt, zu viele Fehler erlaubte, dem zeigte der Rechner – haha – ein am Strick baumelndes Männchen. Heute, wo Filme und interaktive Sprachkurse problemlos durch das Internet übertragen werden, sind bei digitalen Unterrichtsmaterialien mehrminütige Lehrvideos mit Muttersprachlern Standard.

Und das Ganze geht auch interaktiv: Fragt der spleenige Londoner Anwalt im Sprachlernvideo, wo denn schon wieder die Akte "Bandit-Brothers" sei, kann man sich per Headset einschalten und darauf hinweisen, dass sie im Schrank stecke. Bei Fernuniversitäten gibt es inzwischen Vokabelübungen und einfache Vorlesungen als fertige Dateien für den MP3-Player – das System ist so erfolgreich, dass es sogar die ersten Präsenzhochschulen übernehmen.

Für die Jüngsten reichen die Angebote beim E-Learning vom Gehörtraining wie etwa auf www.musikwissenschaften.de bis hin zum kostenpflichtigen Lese- und Rechentrainer auf www.toggo-cleverclub.de , allerdings ist das Angebot für Schüler nicht allzu groß. Nicht nur eine Frage des Preises; gute Programme kosten einige Hundert Euro. Oft ist eine interaktive Lernsoftware für Schüler nicht in allen Fällen auch wirklich sinnvoll, sagt Bildungsforscher Hendricks: "Es ist für sie schwierig, mit einem Programm zu lernen, das nicht auf ihr Schulbuch abgestimmt ist."

So finden die technisch aufgerüsteten Programme ihr Publikum eher bei Erwachsenen wie Wolfgang Klug. Der war erst mal skeptisch, ob er sein Englisch online wirklich verbessern kann. Er hat eine Führungsposition beim TÜV Rheinland, ist für seine Arbeit häufig in ganz Europa unterwegs, und früher hätte ihn seine Firma wahrscheinlich zu einem teuren Privatlehrer geschickt, der Rücksicht auf seinen Terminkalender nimmt. Heute kommt der virtuelle Lehrer zu ihm ins Notebook. "So kann ich lernen, wann ich will, sogar in der Wartezeit am Flughafen", sagt Wolfgang Klug. Immer mehr Manager setzen für ihre Sprachfortbildungen auf das Internet. Moderne Lernprogramme beziehen inzwischen selbst Handys in das Unterrichtskonzept mit ein – beispielsweise für ein Vokaltraining, bei dem das neue Wort gleichzeitig auf dem Display erscheint und über Kopfhörer mit der richtigen Betonung vorgesprochen wird. Nur noch die nötige Konzentration muss die gestresste Führungskraft selbst aufbringen.

Die Qualitätsunterschiede auf dem Markt für Lernprogramme sind allerdings gewaltig. Gerade im Bereich der Sprachkurse tummeln sich zahlreiche Anbieter – von werbefinanzierter Software wie auf www.englisch-lehrbuch.de reicht das Spektrum bis hin zu hoch spezialisierten Kursen, bei denen sich online ein Sprachlehrer zuschalten kann. Wie bei der Münchner Firma Digital Publishing, auf die Klug setzt. Kern ihrer Kurse ist ein kompakter USB-Stick, der an den meisten neueren Rechnern funktioniert. Darauf finden sich nicht nur klassische Grammatikübungen, sondern auch Aussprachehilfen. Ein virtueller Lektor erklärt in akzentfreiem Englisch die Übungen und verwickelt den Schüler per angeschlossenes Mikrofon in Dialoge – und erkennt per Sprachsoftware, wie gut sein Schützling mit der englischen Aussprache zurechtkommt. Die Übungsergebnisse werden auf dem USB-Stick gespeichert und per Internet automatisch an einen echten Sprachlehrer übermittelt. Der erkennt, womit sich der Schüler am schwersten tut – und schickt bei Bedarf zusätzliche Übungen.