Gott=46 Millionen Treffer

Neulich musste ich wissen, wie sich der berühmte indische Rechtsanwalt und Pazifist schreibt: Ghandi oder Gandhi? Laptop auf, googlefight.com an. Hier kann man Begriffe gegeneinander antreten und die Google-Treffer auswerten lassen. Obama unterliegt Clinton (Anfang April) mit 25,9 zu 27,6 Millionen Treffern. Gott siegt gegen den Teufel mit 46 zu 9 Millionen. Man kann aber auch orthografische Streitfälle gegeneinander kämpfen lassen. »Rhythmus« gegen »Rythmus« etwa (3,1:0,26 Millionen). Oder eben Ghandi gegen Gandhi. 2,58 zu 16,4 Millionen. Klarer Fall: So viele Websites können nicht irren!

Früher hätte ich im Volksbrockhaus nachgeschlagen. Oder einen Kollegen gefragt.

Ein paar Tage später, abends, schmerzte es in meiner Brust. Auch der Rücken tat weh. Mir war auf eine unbekannte Art elend. Ich sagte nichts zu meiner Frau. Ich rief weder meinen Freund an, einen Arzt, noch den ärztlichen Notdienst. Ich gab bei Google »Herzinfarkt« ein. Himmel! 1,6 Millionen Treffer. Ich ignorierte arterie.com und herzberatung.qualimedic.de , auch den »Patienteninformationen« von Boehringer Ingelheim wollte ich nicht trauen. Ich konsultierte netdoktor.de . Schmerzen im linken Arm – hatte ich nicht, prima! Beruhigt legte ich mich ins Bett.

Das Rezept für rheinischen Sauerbraten (mit Rosinen und Pumpernickel!) bekomme ich nicht von meiner Mutter, sondern von chefkoch.de . Zur Volksbank Neheim-Hüsten finde ich nicht durch Befragung vorbeieilender Neheim-Hüstener, sondern nach einer Anfrage bei map24.de . Keine Frage: Das Internet verändert langsam, aber doch spürbar mein Leben.

Zunächst beeinflusst es die Menge meiner Sozialkontakte. Wenn Fragenstellen überflüssig wird, weil das Web die Antworten schneller und präziser liefert, fällt ein Teil meiner Alltagskommunikation weg.

Doch das stets verfügbare Internet beeinflusst auch die Qualität meiner Begegnungen. Vergangene Woche hatte ich einen Interviewtermin. Wir waren in einem Café am Bahnhof verabredet. Früher hätte er einen knallroten Schal getragen und ich eine ZEIT unterm Arm, damit wir uns erkennen. Jetzt fand ich meinen Gesprächspartner auch so, ich hatte sein Bild im Internet gesehen. Ich kannte das Thema seiner Promotion und einige kritische Kommentare zu seiner Arbeit aus einem Forum. Sein erster Satz nach der Begrüßung: »Schreiben Sie bloß nicht so ironisch über mich wie im letzten Jahr über den armen P.!« Aha, auch er hatte das Internet nach Informationen über mich durchsucht.

Dass das Internet ganz einfach zum Teil unserer Lebenswirklichkeit wird, verdanken wir den Suchmaschinen. Das Web wäre ein nutzloser Datenhaufen, gäbe es sie nicht. Erst Google, Yahoo!search, MSNsearch oder Ask schaffen Ordnung, lassen finden, wonach man sucht, noch nicht sucht oder nie suchen wollte. Allein suchmaschinen-online.de liefert 600 Stück; darunter Versandhauskataloge, regionale Suchmaschinen oder etwa ein »Fetischfinder«.

Gott=46 Millionen Treffer

Trotz der Fülle des Angebots halte ich es wie etwa 90 Prozent der deutschen Internetnutzer: Ich durchkämme das Web fast ausschließlich mit Google. Aufgrund der schieren Masse der Suchergebnisse – die ich oft überhaupt nicht überblicken kann – habe ich das Gefühl, so zumindest nichts zu verpassen. Ich liebe die Cache-Funktion, die das Aufrufen älterer Websites ermöglicht, auf denen die Suchbegriffe im Text markiert sind. Und ich fühle mich einfach meist gut bedient, wenn ich die ersten 40 von 40000 Treffern studiere. Die Werbung daneben stört mich nicht – ich habe längst selektives Sehen gelernt.

Dass es allerdings dem Sucher im Web allein um Information ginge, ist ein Irrtum. So geht es mir bei Gandhi nicht nur um die Rechtschreibung – meine orthografische Schwäche ist mir auch peinlich. Auch beim Netdoktor wiederum besteht nicht die Gefahr, dass ich mich mit meiner Infarktangst lächerlich mache. Meine Suche bleibt diskret und anonym, das Internet wirkt auf mich fast wie eine Vertrauensperson, ein wirkliches Gegenüber, dem nichts Peinliches fremd ist. Und mehr noch: Wie viele andere Nutzer erlebe ich das Web als gigantische Wunscherfüllungs-Maschine. Es verspricht Spaß – das Stichwort »Witze« liefert 9,7 Millionen Treffer. Unendliche Zerstreuung – man könnte den Rest seines Lebens mit den Videos auf YouTube verbringen, zum Beispiel mit alten Buster-Keaton-Episoden, vergessen geglaubten Konzertmitschnitten (Theodorakis!) oder lustigen Verkehrsunfällen.

Darüber hinaus gibt es keinen Musikgeschmack, der im Web nicht bedient würde. Früher gab man Freunden, die nach London reisten, Suchaufträge mit. Heute hört man sich erst mal ein paar Takte auf amazon an und ordert eine Gebrauchtscheibe aus den USA. Oder man bedient sich – juristisch im Graubereich – einer der zahlreichen MP3-Suchmaschinen. Juristisch einwandfrei ist auf jeden Fall die Suche nach Liedtexten. Kürzlich war mir für einen Moment der Refrain von It Never Rains In Southern California entfallen. Der Titel und das Stichwort »lyrics« lieferten 16000 Treffer (»But girl, don’t they warn ya – It pours, man it pours«).

Einmal habe ich auch von ungefähr nach »xxx« gesucht – ich stolperte in ein schier grenzenloses Porno-Universum. Aus Spaß habe ich dann eine bizarre Sexualpraxis erfunden: Sex mit Bäumen. Und was findet Google unter diesem Stichwort? 138 Treffer! Das Onlinelexikon Wikipedia kennt sogar den wissenschaftlichen Fachterminus: Dendrophilie (»eine Spielart der Objektsexualität«). Nicht zu fassen.

Wonach es mich auch hungert oder dürstet: Das Internet hat von allem reichlich. Von News ( spiegel online , nytimes.com , bbc.co.uk ), von Freunden (auf facebook oder über die »Freunde-Suchmaschine« stayfriends, auf passado.de oder sogar kochmania.de ). Und zum ersten gemeinsamen Essen ordert man bei bergkaese.de , mymuesli.com und karstadt.de/rotwein . Man kann sich im Internet informieren. Man kann schlauer werden. Man kann hier sogar studieren.

Allerdings ist die einprägsamste und wirkmächtigste Lernerfahrung, die das Internet vermittelt, eine andere: Du musst eigentlich gar nichts mehr lernen. Alles steht schon irgendwo geschrieben. Du musst nur suchen können. »Researching is being replaced by searching« – Suchen ersetzt Forschen, kritisiert die britische Medienwissenschaftlerin Tara Brabazon. Ihre Studenten dürfen Google und Wikipedia nicht nutzen. Stattdessen sollen sie lesen. Tatsächlich stelle ich auch bei mir fest, dass ich mich immer weniger mit Nachdenken herumplage, wenn mir ein Name, eine Nummer, ein Ereignis oder ein Filmtitel nicht einfällt. Man kann ja googeln. Ein Begriff, den die Generation, die mit Google groß wird, nicht mehr kennt (und darum googeln muss), ist die »Eselsbrücke«. Niemand braucht sie mehr (48900 Treffer).

Im Gegenteil: Viel Entwicklungsenergie wird derzeit in noch einfacher zu befragende Suchmaschinen investiert. So erlauben Maschinen wie lexxe.com schon die Eingabe vollständiger Fragen. Immer besser und beliebter werden solche Angebote, die eigentlich Antwortmaschinen heißen sollten.

Gott=46 Millionen Treffer

Und – ist das womöglich eine Entwicklung, die das gesamte Internet irgendwann wieder nehmen wird — die Verblüffung des Internetsuchenden ist groß, wenn hinter den Antwortmaschinen plötzlich wieder Menschen auftauchen.

Den absoluten Höhepunkt dieser Entwicklung markiert chacha.com . Hier hat man es nicht nur mit echten Menschen zu tun, sondern – fast wie in der guten alten Zeit der Face-to-Face-Frage – live mit echten Menschen, nur dass sie jetzt irgendwo auf der anderen Seite des Globus sitzen. An einem kalten Frühlingsmorgen fand ich auf dem Balkon eine fast tote Hummel. Ich holte sie in die Wohnung, sie erholte sich so schnell, dass ich doch wissen wollte, ob eine Hummel stechen kann. Rechner an, chacha.com aufrufen – und schon reagiert ein »Daniel«. In ein paar Minuten hat er für mich recherchiert, dass der Hummelstich zwar nervt und schmerzen kann, aber selten ist; Allergiker sollten dennoch Obacht geben. Zum Weiterlesen schickt er mir noch die entsprechenden Links. Thanx a lot, Daniel. Ein noch völlig kostenloser unglaublicher Service: der persönliche menschliche Antwortsucher, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche!

Seltsam nur, dass mit immer schnelleren und immer besseren Antworten offenbar auch die Fragen zunehmen. Von daher dürfte ich das Internet eigentlich gar nicht mehr verlassen. Schon erinnere ich mich kaum noch, wie ich je ohne Internet leben konnte. Früher, als man Fragen an die zuständigen Institutionen weiterreichen musste: die Telefonauskunft, den Buchhändler, das Straßenverkehrsamt oder an Passanten. Damals unterschied man zwischen wichtigen Fragen – die der Mühe einer Antwortsuche wert waren – und allen anderen. Die, sobald sie auftauchten, wenn überhaupt nur vage beantwortet und gleich wieder vergessen wurden. »Papa, haben Krokodile ein Rückgrat?«, fragt die Tochter. Früher hätte ich »Wahrscheinlich« gesagt, »Weiß nicht, denke ja« – und hätte weiter in der Zeitung geblättert. Heute klappe ich das Laptop auf und besteige die Suchmaschine.

Bis die wieder gelandet ist, sind überraschend oft zehn, zwanzig oder noch mehr Minuten vergangen. Dann hat das Kind die Frage längst vergessen, oder es ist sauer. Denn 80 Prozent aller Fragen werden, meine These, vermutlich nicht aus Interesse an der Antwort gestellt, sondern um ins Gespräch zu kommen, um Nähe zu spüren, um ein bisschen Zuwendung zu erhaschen. Und dabei hilft auch die beste Suchmaschine nicht.

Linksammlung:

www.hakia.com
Eine der ersten semantischen Suchmaschinen - man kann ihr Fragen stellen.

www.metager.de
War die erste deutsche Metasuchmaschine; sucht in 30 einzeln abschaltbaren Suchmaschinen

Gott=46 Millionen Treffer

www.googlefight.com
Obama gegen Clinton: Wer hat mehr Google-Treffer? Auch nützlich bei orthografischen Streitfragen (Reuma gegen Rheuma)!