Was tut man eigentlich an einem freien Tag, falls man, sagen wir, zufällig in Kopenhagen ist? Tipp: Von der U-Bahn-Station Christianshavn sind es nur fünf Minuten bis zur Grenze von Christiania, dem Freistaat der Hippies, gegründet 1971. Der Freistaat ist überraschend groß. Da kannst du stundenlang rumlaufen. Ein Teil besteht aus alten Kasernengebäuden, in denen die Hippies ihre Läden, Restaurants und Kneipen untergebracht haben, die Restaurants werden auch von bürgerlichen Kopenhagenern gerne aufgesucht. Der andere Teil besteht aus Landschaft und wurde von den Hippies mit zum Teil architektonisch sehr interessanten Häusern bebaut. Es laufen keineswegs nur grauhaarige Drogenwracks umher, im Gegenteil, man sieht Familien mit Kindern und Jugendliche und all das, auch relativ viele Angehörige des Volkes, welches früher die Eskimos genannt wurde. Auffällig war allerdings, dass fast alle Leute hart rauchten und dass schon morgens Bier getrunken wurde, auch von den Jugendlichen übrigens, die Kinder hielten sich etwas zurück. In den Mülltonnen ruhte die Plastikflasche friedlich bei der Sardinendose, getrennt wurde da jedenfalls nicht. An den Häusern sah man Satellitenschüsseln. In den Kneipen las man Boulevardzeitungen. Offenbar steht der Freistaat der Hippies immer noch für ein unbürgerliches Leben, nur jetzt eben andersherum. Weil das Bürgertum sich mit Bio, Psycho, Ayurveda und Yoga konsequent hippiesiert hat, müssen die letzten echten Hippies aus der Gegenrichtung kommen. Vielleicht leben die Hippies inzwischen sogar streng monogam, um sich so von den CDU-Spießern abzugrenzen, das ist ja praktisch die einzige Möglichkeit.

Der wichtigste Boulevard von Christiania ist die Pusher Street. Das englische Wort pusher heißt auf deutsch »Dealer«. In der Pusher Street haben die Dealer normale Marktstände mit Sonnenschirm und Waage, das Haschisch liegt auf einem Tischchen und sieht aus wie Tafelschokolade, meist kommt es aus Fundamentalistenhochburgen wie Pakistan oder Afghanistan. Allahu Haschbar! Die Pusher tragen Anoraks und kurzes Haar, sie sehen exakt genauso aus wie Berliner Autohändler. Sie haben Pitbulls, die durch den Kontakt mit den Hippiehunden die Hippieideologie angenommen haben, sie sind extrem friedlich und wedeln mit ihren Stummelschwänzen. Durch die Pusher Street wälzt sich ein Strom von Touristen und Dänen, darunter viele Schüler des benachbarten Gymnasiums, und kauft ein. Ich habe fünf Gramm Haschisch gekauft, das Gramm zu elf Euro, dazu bei einem Dänen mit Migrationshintergrund eine Pfeife, das ist das typische Kopenhagensouvenir. Am Flughafen wurde ich bei der Kontrolle herausgewinkt. Das Problem bestand aber nur darin, dass mein Kulturbeutel nicht durchsichtig war. Der Kulturbeutel war voll mit Haschisch, das interessierte keinen. Rudolf Augstein ist wegen so was noch festgenommen worden. Der Sportverein von Christiania hat übrigens das Motto »You’ll never smoke alone«. Streng verboten sind in dem Hippiestaat Motorradfahrerjacken, überall Schilder. Das hat historische Gründe, nehme ich an, die Rocker von den Hells Angels waren ja Gegenspieler der Hippies. Zu Hause habe ich zum ersten Mal seit vielen Jahren kräftig einen durchgezogen, ich bin aber, wie damals, wieder nur furchtbar müde davon geworden. Unter dem Einfluss des pakistanischen Stoffes habe ich diese Kolumne verfasst. Falls dieser Text also irgendwie an Rudolf Augstein erinnert, dann deshalb.

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