Er kam zur Welt in Stratford in der Henley Street, er starb in Stratford in der Chapel Street, er ist begraben in Stratford in der Holy Trinity Church. Die Koordinaten sind schlicht – zwischen Wiege, Sterbebett und Grab liegt nicht mal eine Meile. Und so reisen jährlich Hunderttausende nach Stratford-upon-Avon in Warwickshire, um dem Mann nahe zu sein, der tief unter der Kanzel der Trinity Chapel begraben liegt und dort, beschützt vor "Junker Wurm", den seine Theaterfiguren so fürchten, schon seine 392. Ruherunde um die Sonne dreht.

Als William Shakespeare im Jahr 1616 starb, war von seinen sieben Geschwistern nur noch die Schwester Joan am Leben. Shakespeares letzter Abkömmling, die Enkelin Elizabeth Barnard, starb 1670. So ist die Shakespeare-Forschung, wo sie sich nicht allein mit dem Werk begnügt, sondern auch den Mann zu verstehen sucht, ein Feld der blühenden Spekulation und des wissenschaftlichen Wunschdenkens. Über keinen Dichter wurde mehr geschrieben, aber kaum einer ist so mysteriös. Eine Million Wörter dramatischen und lyrischen Textes sind von ihm überliefert, aber nur 14 in seiner Handschrift geschriebene Wörter bis heute gefunden worden. Keine Originalmanuskripte, keine Briefe, keine persönlichen Notizen.

Der Mann hat uns das reichhaltigste Ensemble der vitalsten und abgründigsten Theaterfiguren hinterlassen. Aber was Shakespeare selbst dachte, fühlte, glaubte, wissen wir nicht. Die erste Beschreibung seiner Erscheinung und seines Wesens wurde 64 Jahre nach seinem Tod verfasst, von John Aubrey – einem Mann, der erst zehn Jahre nach Shakespeares Tod geboren wurde.

Seine Figuren, so scheint’s, sind seine eigentlichen Nachfahren und Meldereiter, die von ihm künden und in seinem Namen weiterleben: Hamlet, Othello, Viola, Lear, Macbeth, Julia, Falstaff, Richard III., Heinrich IV., Prospero. Und ihnen untergeordnet und völlig ergeben: das Heer der Schauspieler, die sich seit Jahrhunderten in deren Dienst stellen.

Die tiefsten und rätselhaftesten Theaterfiguren hat er uns gegeben, und der amerikanische Literaturwissenschaftler Harold Bloom liegt vielleicht nicht ganz falsch, wenn er sagt, dass Shakespeare jener Mann sei, der den modernen Menschen erst "erfunden" habe: "Shakespeare wird immerfort uns erklären, schließlich ist er es auch, der uns erfunden hat. Seine Dramen sind größer und mächtiger als mein Bewusstsein, und sie lesen mich besser als ich sie."

In seinen Stücken hat Shakespeare die Dramenwerke, Erzählungen, Mythen, die er vorfand, weidlich verarbeitet: die Stücke seiner Zeitgenossen (etwa Christopher Marlowe), die Werke der Griechen und Römer, Volksbücher und Chroniken. Jedoch, die Stoffe und Figuren erlangten unter seiner Hand eine Qualität, die man nur mit Universalität bezeichnen kann: Sie verloren ihre örtliche und zeitliche Beschränkung. Die Anmutung praller Vollständigkeit, ein über den dramatischen Plan hinausschießender, zweckfreier Lebensübermut prägt seine Figuren. Man hat beim Lesen seiner Stücke den Eindruck, keinen Schreiber, sondern einen Schöpfer eigensinniger Wesen zu studieren.

Die Figuren suchten nicht mehr Gott, sondern ihren ureigenen Lebenssinn

Einstmals waren Theaterfiguren in ihrem Denken und Handeln auf Gott bezogen, vor ihm bewährten sie sich, vor ihm versagten sie. In der protestantischen Shakespeare-Zeit änderte sich das: Die Figuren, die nun die Bühne betraten, maßen sich untereinander, und sie suchten nicht mehr Gott, sondern ihren ureigenen Lebenssinn. Sie wandelten sich andauernd, sagt Bloom, da sie sich selbst beim Reden belauschten und also neu begriffen: "Selbstbelauschung ist ihr Königsweg zur Individuation."

Der österreichische Schriftsteller Robert Musil hat jenes Moment wunderbar beschrieben: Shakespeare sei es gelungen, eine Welt zu erschaffen aus nichts als Luft. Seine Figuren entstünden aus einer barocken Suada, "die nicht aus dem Munde wirklicher Menschen kommt, sondern gar nichts braucht, in der Luft entsteht, da ist, wächst ... und auf einmal unter sich Menschen ansetzt".

William war zwar das zweite Kind von John Shakespeare und Mary Arden, doch seine ältere Schwester starb als Säugling. Und so trug er die Last und genoss die Privilegien eines Erstgeborenen. Sein Leben war, wie das jedes Zeitgenossen, in steter Gefahr. Drei Monate nach seiner Geburt brach in Stratford die Pest aus. Zu normalen Zeiten lag die Kindersterblichkeit bei 16 Prozent, nun starben zwei Drittel. England war im 16. Jahrhundert ein durch Krankheiten entvölkertes Land, seine Einwohnerzahl lag bei 3 bis 5 Millionen Menschen, sie war viel geringer als etwa im 13. Jahrhundert. Shakespeares allergrößte Leistung, so schreibt einer seiner vielen Biografen, Bill Bryson, war nicht der Hamlet, sondern die Tatsache, dass er sein erstes Lebensjahr überstand.