DIE ZEIT: Herr Matthes, worin besteht das Wunder des Theaterspielens?

Ulrich Matthes: Um es mit Friedrich Schiller zu sagen: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Ich habe Anglistik und Germanistik studiert und das Studium abgebrochen. Mir fehlte in der Literaturwissenschaft die kindliche Seite – der spielerische Umgang mit den Texten. Max Reinhardt hat gesagt: Ein Schauspieler ist derjenige, der sich seine Kindheit in die Tasche gesteckt hat. Das wird von vielen Theaterleuten heute belächelt, als wären wir darüber hinweg. Aber in Reinhardts Satz ist eine tiefe Wahrheit. Das Theater gibt mir eine Verbindung zur Kindheit, die ich nicht abreißen lassen möchte.

ZEIT: Ist der gescheiterte Schauspieler derjenige, der die Verbindung zur Kindheit abreißen ließ?

Matthes: Schwierig ist derjenige dran, der diese Verbindung gekappt hat oder jener, der nur Kind ist. Wenn einer nur noch völlig bewusstlos spielt – so ein Theater finde ich uninteressant. Sich an diesen großen literarischen Stoffen abzuarbeiten – aber eben nicht rein intellektuell –, das ist das Außerordentliche.

ZEIT: Ist jeder Mensch ein Schauspieler?

Matthes: Natürlich. Um zu überleben, muss man ein Schauspieler sein. Man schafft ja sonst das Leben gar nicht. Man ist ständig in Rollensituationen. Das darf man sich allerdings nicht zu bewusst machen, sonst dreht man durch.

ZEIT: Müssen Politiker Schauspieler ihrer selbst sein?