Als die pensionierte Kriminalbeamtin Marianne Atzeroth-Freier in der vergangenen Woche die Zeitungen las, ist sie erschrocken. Das Verbrechen des Josef Fritzl aus dem österreichischen Amstetten, der seine Tochter 24 Jahre lang als Sklavin in einem Kellerverlies unter dem eigenen Haus gefangen gehalten und mit ihr sieben Kinder gezeugt hat, ist das Hauptthema in den Medien: Alle sprechen von einer einzigartigen Kriminalgeschichte – nur Marianne Atzeroth-Freier kommen die Umstände des Falles Fritzl irgendwie schrecklich bekannt vor.

1992 war es, als Atzeroth-Freier, damals Mitglied der Mordkommission des Landeskriminalamts Hamburg, im Alleingang einem Täter auf die Spur kam, der sich ganz ähnlicher Täuschungsmanöver bediente wie Josef Fritzl – nur tausend Kilometer nördlich von Amstetten. Die Parallelen beider Fälle sind so verblüffend, dass sich Atzeroth-Freier manchmal vorstellt, die Täter könnten einander gekannt haben.

Josef Fritzl baut 1983 in Amstetten einen Keller, dem er einen illegalen und durch eine schwere Metalltür verborgenen, perfekt isolierten Erweiterungsbau hinzufügt. Dorthinein sperrt er im August 1984 seine Tochter Elisabeth, zunächst kettet er sie mit Handschellen an einen Pfosten.

Im gleichen Jahr wie Fritzl baut auch der zwölf Jahre jüngere Lutz R. in Hamburg den Keller aus. Es entsteht ein Atombunker unter seinem Reihenhaus in Hamburg-Rahlstedt – staatlich subventioniert, immerhin herrscht Kalter Krieg. Der damalige Bürgermeister Klaus von Dohnanyi weiht den unterirdischen, schallisolierten Betonbau höchstpersönlich ein – allerdings nicht den von R. hinzugefügten illegalen Raum, der hinter einer dicken, mit Werkzeug behängten Metalltür liegt und nur kriechend durch eine kleine Luke erreicht werden kann. In dieses Verlies sperrt R. im März 1986 die 61-jährige Hildegard K., die Frau seines Chefs, eines Hamburger Kürschnermeisters. Auch er kettet sein Opfer mit Handschellen an den Pfosten eines Stockbettes.

»Sucht nicht nach mir, es geht mir gut!«

Lutz R. hat die Frau von zu Hause entführt und dabei Geld und Schmuck im Wert von etwa 40000 D-Mark mitgenommen. Mehrere Tage überlebt Hildegard K. im verborgenen Kellerraum – und wird dort vermutlich vom bekennenden Sadomasochisten Lutz R. auch sexuell misshandelt –, dann ermordet R. die Gefangene, zersägt ihre Leiche und versenkt diese in einem mit Salzsäure gefüllten Fass im eigenen Garten.

Gemerkt hat niemand etwas, denn ebenso wie der Österreicher Fritzl führt auch der Hamburger Lutz R. mit seiner Familie oberhalb des Bunkers ein unbescholtenes Leben. Reihenhäuschen, Ehefrau und Töchterchen signalisieren Harmlosigkeit. Ebenso wie Fritzl gilt R. als lustiges Haus, leutseliger Nachbar und Sportskamerad – niemand ahnt etwas vom Grauen in der Tiefe. Das kumpelhafte Auftreten beider Männer dient wohl dem gleichen Zweck, ihre gespaltene Natur zu kaschieren. Wer ein Arkanum im Keller verbirgt, sucht keinen Streit mit den Nachbarn, sondern gibt sich umgänglich, flexibel und sozial verträglich.