Der englische Schriftsteller C. P. Snow hat in seinem Kriminalroman Mord unterm Segel geschrieben, nur das flache Land könne einem Menschen wahre Gelassenheit verschaffen. Wenn man in Deutschland dem Ruf des flachen Landes folgt und zu den Küsten hinfährt, gewinnt man den Eindruck, Snow habe recht: Wie kühl und nachsichtig hier der Verkehr rollt! Wie dezent untertourig die Menschen gestikulieren! Wie sparsam sie beim Sprechen ihre Worte beatmen!

Verglichen mit einem Nord- und Flachländer, ist jeder Südländer und Mittelgebirgler ein Faxenmacher, ein Marktschreier seiner selbst. Das deutsche Wesen scheint, zu den Küsten hin ausrollend, alles aufbäumend Theatralische zu verlieren. Es herrscht hier eine spezielle Art der Schicksalsergebenheit. Man spielt sich nicht auf, man steht im Wind. Man schlägt sich nicht auf die Schenkel, man bringt die Pointe mit zusammengebissenen Zähnen: Norddeutscher Witz zischt wie Löschsand.

Flachlandgelassenheit erkennt man allerdings auch daran, dass sie von den Silberfäden der Traurigkeit durchzogen ist. Der Flachländer hat keine Berge, die er bezwingen müsste, aber es mangelt ihm auch an Kulissen, die ihn in den Glauben versetzen könnten, es sei etwas "dahinter". Wahre Norddeutsche müssen nicht auf Berge, aber sie glauben auch nicht an Gipfel.

Nehmen wir zwei erfolgreiche Erzeugnisse jüngerer norddeutscher Literatur, Heinz Strunks Fleisch ist mein Gemüse und Rocko Schamonis Dorfpunks . Beide gelten als komische Dorf- beziehungsweise Vorortbiografien. Wenn man sie genauer liest, erweisen sie sich als Früchte der Traurigkeit und einer lakonischen Einsicht ins Graue, Endliche, Hohle des Daseins.

Beide Bücher handeln von Orten, "die man früh verlassen sollte, wenn man noch etwas vorhat im Leben" (Strunk). Strunks Buch spielt am "falschen Ufer der Elbe", in Hamburg-Harburg, wo er aufwuchs (und sein Spruch gewinnt diabolische Tiefe, wenn man an Mohammed Atta denkt, der hier gelebt hat). Rocko Schamonis Buch spielt in Lütjenburg (Romandeckname: Schmalenstedt) nahe der Ostsee, wo Schamoni seine Jugend verlebte abseits der Dorfgemeinschaft, die ihn mied, weil er, das Lehrerkind, nicht bei der Feuerwehr war und im örtlichen Fußballverein nicht die nötigen Liter Kuschelbier trank.

Beides sind Musikerbücher. Heinz Strunk erzählt von seiner späten Jugend als Dorf- und Ballmusiker, Schamoni berichtet davon, wie Punk, mehr die Haltung als die Musik, sein Leben gerettet hat. Strunk hatte als Musiker nur bescheidenen Ruhm, Schamoni aber war einer der Großen der "Hamburger Schule" der Popmusik. Mittlerweile haben sich beide als Autoren durchgesetzt. Strunks Fleisch ist ein Bestseller, die Verfilmung läuft derzeit in den Kinos. Auch Schamonis Dorfpunks wird verfilmt. Der Erfolg beider Bücher hängt damit zusammen, dass die Autoren, hinter einem Netz feiner Beobachtungen und herber Pointen, das Nichts ahnen lassen, das hinter allem steckt. Und er hat damit zu tun, dass sie es nicht von fern beschreiben, sondern sich selbst hineinstürzen.