Vor dem Stanley-Hotel in Nairobi stand einst eine riesige Akazie: der »Nachrichtenbaum«. Wann immer ein Reisender einem anderen etwas mitteilen wollte, heftete er einen Zettel an den Stamm. »Jack, ich bin schon weitergereist in Richtung Westen. Erwarte Sie am nächsten Sonntag in Kampala.« – »Wer trägt mir mein Gepäck auf den Kilimandscharo?« – »Kommst Du mit mir in die Masai Mara, liebe Tania? Bitte! Ich liebe Dich nämlich!« So in der Art.

Als ich kürzlich ins Stanley-Hotel kam, war die Akazie verschwunden. Dafür hatten sie jetzt im gesamten Hotel Wireless LAN.

Eigentlich wollte ich ja nur kurz meine Mails checken. Wollte zwei, drei Fakten für die Reportage recherchieren, an der ich gerade schrieb, und mich per Mail mit dem Rechtsanwalt Mwenda verabreden, den ich am übernächsten Tag zum Essen treffen sollte. Da hörte ich dieses Geräusch aus meinem Computer. Wie ein Anklopfen. Und sah rechts unten auf dem Bildschirm ein Fenster mit der Nachricht: »Rafi ist online«.

Rafael ist unser Jüngster. Achtzehn. Der Bub lebt zurzeit mutterseelenallein in London, um sein Englisch zu verbessern. Da sollte ich nicht einsteigen in den MSN-Chat und ihn fragen, wie alles so läuft? »Danke, gut. Und selbst?« – »Auch gut. Heiß ist es hier.« – »Wo bist du?« – »In Afrika.« – »Aha.« – »Heute bin ich überfallen worden. Aber mein Taxifahrer hat mich gerettet.« – »Krass!« Was man eben so chattet.

Dann wieder dieses Signal, wieder ein Fenster rechts unten, und eine Nachricht von Rafi: »Moin, Mama!« Meine Frau hatte sich aus ihrem Arbeitszimmer in Hamburg gemeldet. Und was soll ich sagen? Zuletzt führten wir eine Sechserkonferenz: Lukas, mein älterer Sohn, hatte sich noch dazugeschaltet. Er saß an seinem Laptop in Hamburg, eine Etage höher als seine Mutter. Therese, meine Älteste, war dabei, die gerade ein Auslandssemester in Mailand machte. Und Anna, unsere Fotografiestudentin, meldete sich aus – na ja: Bielefeld.

Ein Familientreffen. Ein bisschen virtuell vielleicht, zumindest aus der Nairobi-Perspektive, aber auch ziemlich real. Rafael hatte nach dem ersten Geplänkel gestanden, dass er wieder einmal abgebrannt war. Ich hatte keine Transaktionsnummern für eine Überweisung dabei. Also erklärte ich meiner Frau via MSN, wie sie Rafis Konto auffüllen konnte.

Schon erstaunlich, in welchem Ausmaß unsere Familie über das Internet organisiert ist. In einer unglaublich kurzen Zeit hat das Netz einen gewaltigen Raum der Möglichkeiten, der Chancen und Risiken aufgespannt. Es hat Gesellschaft, Wirtschaft, Politik verändert, unseren Alltag beschleunigt, ihn vielleicht auch gefährlicher gemacht. Aber vor allem unmittelbarer. Würden wir auch nur halbwegs so guten Kontakt zu unseren Kindern halten können, wenn es das Internet nicht gäbe?