Jerusalem - Als der Staat Israel gegründet wurde, gab es ihn schon. Nicht nur als kühne Vision in einem berühmten Buch, Theodor Herzls Judenstaat von 1896 – sondern als ganz konkretes Verwaltungsgebilde mit jüdischen Ortschaften und einem demokratisch gewählten Parlament, das die Regierung kontrollierte. Dieses Gebilde war die Jewish Agency, die Behörde, die die jüdische Einwanderung nach Palästina organisierte.

Sie war das pragmatische Herzstück des Zionismus, der jüdischen Sehnsucht nach einem eigenen Staat: das Bindeglied zwischen Traum und Wirklichkeit, das Eintrittstor der Fantasie in die Realität. Die Jewish Agency ist ein institutionelles Unikum in der Weltgeschichte – und es gibt sie immer noch.

Sechzig Jahre nach der Staatsgründung versucht die Agency weiterhin, Juden in aller Welt für die Übersiedlung nach Israel zu gewinnen. Die Urbehörde des praktischen Zionismus ist zu einem Ort geworden, an dem sich die Spannungen und Widersprüche der israelischen Existenz heute ablesen lassen.

Das Palästina, in das die frühen jüdischen Einwanderer kamen, war ein "Mandatsgebiet", das nach dem Ersten Weltkrieg den Briten zur Verwaltung anvertraut worden war. "Die Jewish Agency war damals alles", erzählt der 93-jährige ehemalige Berliner Gad Granach, der 1936 nach Palästina kam. "Sie war die Regierung unter der Mandatsregierung, der Ansprechpartner für die Engländer. Alle politischen Strömungen waren in ihr vertreten."

Ihre Finanzierung hing ausschließlich von Spenden ab – und so ist es bis heute geblieben. Wie bei vielen jüdischen Familien hatte auch bei den Granachs zu Hause in Berlin eine Büchse gestanden, mit der für die Palästinasiedlung gesammelt wurde. Mit dem Geld kaufte die Jewish Agency for Palestine Grundstücke, sorgte für den Aufbau von Städten, Dörfern und Kibbuzzim und kümmerte sich darum, den künftigen Staat zu bevölkern.

Für viele begann die Emigration in der Meinekestraße in Berlin

Auch Gad Granach ist mit Hilfe der Jewish Agency eingewandert. Als nach Hitlers Machtübernahme die Polizei in Berlin erstmals gemeinsam mit der SA patrouillierte, hatte er bei ihrer Vertretung in der Meinekestraße um eine britische Einwanderungserlaubnis ersucht. "Die Meinekestraße 10 galt als Nervenzentrum für die Juden in den 1930er Jahren", sagt er. Zu dem unauffälligen mehrstöckigen Haus, an dessen Fassade eine Plakette an die Jewish Agency erinnert, pilgern heute viele Israelis, wenn sie in Berlin zu Besuch sind.

Wer damals keine tausend Pfund Sterling für ein sogenanntes Kapitalistenzertifikat aufbringen konnte, musste ein Handwerk gelernt haben. In der Meinekestraße fragte man Granach: "Kannst du morgen in Hamburg sein? Dort gibt es eine Lehrstelle als Bauarbeiter und Backofenbauer." Granach konnte und ging anderntags für drei Jahre auf "Hachschara", wie die zionistische Vorbereitungsphase auf die Einwanderung nach Palästina hieß. Nach seiner Ankunft im Hafen von Haifa kam er für kurze Zeit in ein Aufnahmeheim der Jewish Agency, bis er in den Kibbuz Schfayim weitergeschickt wurde, der einen größeren Speisesaal bekommen sollte, wofür Bauleute gebraucht wurden.

Als am 11. März 1948 eine Bombe im Hauptquartier der Jewish Agency hochgeht, lebt Granach bereits in Jerusalem. Er befindet sich zufällig in der Nähe, als der Sprengsatz explodiert. Wochen später erfüllt sich – begleitet vom ersten Krieg gegen die Araber – der Traum vom eigenen Staat. Fortan heißt die Behörde, die Gad Granach und so viele andere ins Land brachte, Jewish Agency for Israel.