Argostoli ist ein kleines Städtchen auf einer kleinen Insel. Ein brummendes Propellerflugzeug fliegt aus Athen die Insel an. Die Stewardess kennt die meisten Gäste mit Vornamen. Auch die Passagiere kennen sich und plappern über die wenigen Sitzreihen hinweg, Kinder holen ihre Hausaufgabenhefte aus dem Rucksack, es ist wie im Autobus. Nur dass das Flugzeug nicht alle paar Meter stehen bleibt. Fremde erkennen die Einheimischen sofort. Dann neigen sie sich zur Seite und fragen: "Waren Sie schon mal auf Kefalonia?" Und ganz egal, ob die Fremden noch nie oder schon oft auf der Ionischen Insel waren, immer werden die Gastgeber als Nächstes sagen: "Es ist nur ein kleines Inselchen, aber es ist schön, Sie werden sehen! Das schönste von ganz Griechenland!"

Das allerdings behaupten alle griechischen Inselbewohner von ihrer Insel. Auch Argostoli unterscheidet sich kaum von anderen griechischen Städtchen mit seinen falschen Abfahrtszeiten am Busbahnhof; mit dem von Maulbeerbäumen umstandenen Hauptplatz, auf dem Skateboarder über dahindösende Hunde springen; mit Männern, die ins Telefon schreien, als telefonierten sie zum Mond; mit tief dekolletierten jungen Frauen und aller Liebe entsagenden schwarz gekleideten Witwen; mit ihren 8000 Einwohnern auf ihren knatternden Mopeds und in ihren neuen Audis, die alle weit die Arme ausbreiten, um eine unermessliche Distanz anzudeuten, wenn ein Fußgänger nach dem Weg zum Bäcker fragt.

Doch jenseits dieser griechischen Alltäglichkeiten beweist Argostoli Charakter. Anders als auf den anderen griechischen Inseln mit ihren weiß gekalkten Häusern sind die eigenen vier Wände der Kefalonier pastellfarben und akkurat wie aus amerikanischen Immobilienkatalogen. Altes gibt es kaum, auch die palmenflankierte Promenade am Hafen ist neu, errichtet auf dem Schutt, den ein gewaltiges Erdbeben hinterließ und den die Einwohner ins Meer kippten. Über acht Meter breit ist sie, beinahe zwei Kilometer lang! Im Korgialenios-Museum erzählen schwarz-weiße Fotografien von der Zeit vor dem Beben. Nur die schmale Brücke über den Meeresarm mit ihren steinernen Bögen existiert noch, alle anderen Motive auf den Fotos gibt es seit August 1953 nicht mehr. Erbaut wurde die niedrige Brücke, die bei jedem Lüftchen gleich überspült wird, um den Eselskarren auf dem Weg in den Norden die Umrundung eines langen Seitenarmes im Golf von Argostoli zu ersparen. Mit der Zeit ist auch die Brücke bröckelig geworden, heute sitzen auf ihr nur noch die Angler.

Eine weitere Eigenart von Argostoli sind die filigranen Kirchtürme, die sich seit dem Beben kaum noch in den Himmel recken. Auch ein Theater hat sich das stolze Städtchen geleistet. Und am Ausgang des Hafens, von dem aus die Kefalonier nach dem Beben in alle Welt flüchteten, weil sie glaubten, der Orkus würde ihre Insel eines Tages vollends verschlucken, blickt still die Büste eines Mannes aufs Meer, bei der selbst die Gruppen lauter Schüler schweigsam werden: Es ist die Büste des Dichters Nikos Kavvadias, des letzten großen griechischen Dichters und Seefahrers. Er war hier zu Hause.

Trotz all dieser Eigentümlichkeiten ist Kefalonia vielen unbekannt. Alle Welt dagegen kennt die kleine Nachbarinsel, ein Splitter nur, der sich in grauer Vorzeit von der Mutterinsel trennte: Ithaka, die Heimat des Odysseus. Das ärgert die Kefalonier nicht wenig, zumal nirgends Spuren eines Palastes auf dem heutigen Ithaka gefunden wurden. Selbst Schliemann grub vergeblich. Die Nachrichten von der Entdeckung des wahren Ithakas reißen seither nicht ab, beinahe jede griechische Insel geriet in Verdacht. Nun nährt ein Engländer namens Robert Bittlestone die Hoffnung, dass Kefalonia die Heimat des antiken Seefahrers gewesen sei. Seit der Engländer vor zehn Jahren zum Badeurlaub anreiste, lässt ihn der Gedanke nicht los, er könne das Rätsel um Odysseus lösen. Zum Bedauern der Hauptstädter allerdings ortet er als Sitz des sagenumwobenen Königshauses einen weit entfernten Ort auf der Halbinsel Paliki, dem einstigen Kornlieferanten der Insel, bewohnt von Bauern und Hirten.

Nur die flache Halbinsel an der Westküste Kefalonias gleiche Homers Schilderungen. Das Ithaka der Odyssee ist eher flach und wird als westlichste der Ionischen Inseln beschrieben. Was auf das moderne heutige Ithaka nicht zutrifft. Wohl aber auf die Halbinsel Paliki. Der englische Hobbyarchäologe Bittlestone vertritt die These, dass Paliki zu Odysseus’ Zeiten noch durch eine Meeresenge vom Hauptteil der Insel getrennt war, die erst in den letzten 3000 Jahren von Erdbeben nach und nach verschüttet worden sei. Auch der antike Geograf Strabon beschreibt eine Art Kanal zwischen Paliki und Kefalonia. Zudem unterstützen aktuelle Analysen eines Stratigrafen mit dem bezeichnenden Namen James Underhill die Theorie von der zugeschütteten Meeresenge.

Der kleine Hügel, den Bittlestone für den Königspalast ausgesucht hat, liegt am Ende eines lang gestreckten Golfes über einer beeindruckend schönen sumpfigen Ebene mit weiten Wiesen, unterbrochen nur von vereinzelten Baumgruppen, in deren Schatten eine Rinderherde döst. Im Wasser stehen weiße Reiher. Ein tiefblauer Himmel spiegelt sich darin. Es ist einer jener Flecken Erde, bei dessen Anblick Nomaden von den Bergen steigen und Häuser bauen.