Am Ende hatte Dietrich Flade die Seiten gewechselt, aus dem Täter war ein Opfer, aus dem Richter ein Gerichteter geworden. Zahlreiche Todesurteile hatte er gesprochen, als Flade sich selbst der Hexerei bezichtigt sah. Die Besagungen gegen ihn häuften sich, am Ende glaubte der Trierer Kurfürst, Erzbischof Johann von Schönenberg, nicht mehr an Zufall. So machte man Flade, dem angesehenen Bürger und Rektor der alten Trierer Universität, den Prozess. Am 18. September 1589 endete er vor den Toren der Stadt auf dem Scheiterhaufen.

Mehr als 400 Jahre liegt Dietrich Flades Tod nun schon zurück, gerade ist ein historischer Roman über den Fall erschienen (Tödliche Feuer – Der Fall Dietrich Flade), doch noch immer belastet sein tragisches Ende die Stadt – oder jedenfalls ihren Haushalt. Denn zu seinen Lebzeiten hatte sich die Stadt bei ihrem wohlhabenden Richter, dem Schultheiß, 4000 Goldgulden geborgt, um einen Prozess auf Reichsunmittelbarkeit führen zu können. Flade gewährte den Kredit, doch in der Sache stand er auf der Seite des Kurfürsten, weshalb er schließlich gleich doppelt gewann: Die Stadt verlor den Prozess und stand fortan in der Schuld Flades.

Das änderte sich erst nach dessen Hinrichtung. Der Kurfürst zog den Schuldschein kurzerhand ein und verfügte, dass die Stadt die Zinsen an die fünf Innenstadtpfarreien zahlen musste – »zur Aufbesserung des Pfarrersgehalts«, wie es damals hieß. So findet sich bis zum heutigen Tag im chronisch defizitären Haushalt der Stadt Trier unter der Nummer 3700 »Kirchliche Angelegenheiten« der Posten »Verpflichtung aus dem Fladeschen Nachlass«. Die Summe wurde nie verändert, sondern lediglich in die jeweils gültige Währung umgerechnet. Derzeit überweist das Rathaus exakt 362,50 Euro jährlich an die Innenstadtpfarrei Liebfrauen.

Nein, das Geld diene natürlich nicht mehr der Aufbesserung seines Gehalts, versichert hörbar erheitert der Trierer Domkapitular Hans-Wilhelm Ehlen, Pfarrer von Liebfrauen. Vielmehr komme es jetzt »der Kirche« zugute, berichtet der Geistliche, um nach kurzem Zögern hinzuzufügen: »und sozialen Zwecken«.

Im Rathaus hat man sich mit den Zahlungen längst abgefunden. »Überlegungen, die Zahlung des Betrages einzustellen, wurden zwar gehegt, letztendlich aber verworfen«, teilt die Verwaltung mit. Angesichts von 20 Millionen Euro, die Trier allein in diesem Jahr für Zinszahlungen aufwenden muss, handele es sich um einen Betrag, »der die Stadt nicht ärmer macht, als sie ohnehin schon ist«.

Insgesamt scheint die Stadt ihres Urteils über Inquisition und Hexenverfolgung nicht ganz sicher zu sein. Einerseits, argumentiert ein Sprecher, erinnere der unscheinbare Haushaltsposten 3700 an die »vielen unschuldigen Opfer des Hexenwahns« und rege so eine »zumindest symbolische Wiedergutmachung« an – andererseits sei die jährliche Überweisung irgendwie doch auch »ein sympathischer Akt fiskalischer Traditionspflege«.

Die Kirche ist in der Bewältigung dieses düsteren Abschnitts ihrer Geschichte natürlich erheblich weiter. Dennoch – auf die jährliche Überweisung aus dem Stadtsäckel werde man nicht verzichten, stellt Pfarrer Ehlen klar. Dafür gebe es, so fügt er etwas unklar hinzu, »historische Gründe«.