Es ist nicht normal, wenn man morgens schon an Jägermeister denkt. Aber dieser Hirschkopf, der da an der Wand hängt. Wie in der TV-Werbung. "Das ist Buck", sagt Kerstin Schmidt. Die Medizinerin drückt einen Schalter und erweckt ihn zum Leben. Der Hirschkopf setzt sich in Bewegung, schwenkt hin und her, öffnet das Maul und setzt zu einer absurden Performance an. Laut und scheppernd singt er: "Rolling, rolling, rolling."

Offenbar ticken Menschen, die Tag für Tag in einer unsichtbaren Welt auf Erkundung gehen, anders als normale Leute. "Irgendwie sind hier alle ein bisschen verrückt", sagt Schmidt. Ein wenig genial zu sein hilft aber genauso, um hier zu bestehen. In den Laborfluchten des Krebsexperten Bert Vogelstein, auf dem Medical Campus der Johns Hopkins University in Baltimore, arbeitet eine Gruppe Wissenschaftler weit jenseits der sichtbaren Realität. Sie sind Spezialisten im Universum der Moleküle. Und dort suchen sie nach den Ursachen für Krebs.

Bösartige Tumoren sind, weit mehr als alle anderen medizinischen Leiden, eine Krankheit der Moleküle. Eine unendlich komplizierte. Sie entsteht, wenn in den winzigsten Teilen des Räderwerks der Zellen etwas zu Bruch geht. Bert Vogelstein hat fast sein gesamtes Forscherleben damit zugebracht, diese Moleküldefekte zu entdecken. Seine Forschergruppe belegt mittlerweile zwei Stockwerke im Bunting Blaustein Building, einem funktionalen Glas-und-Beton-Bau.

Kein Wissenschaftler unserer Zeit hat so viel dazu beigetragen, die Vorgänge in Krebszellen zu verstehen, wie Vogelstein. Er sitzt an seinem Schreibtisch vor zwei riesigen Bildschirmen, auf denen Grafiken und Datentabellen flimmern. "Forschung ist das Einzige, was ich tun möchte. Irgendwann war mir klar: So will ich mein Leben verbringen."

Was den kleinen, schmalen Mann mit dem ergrauten Stoppelbart antreibt, ist mehr als Wissbegierde. Der 58-jährige Mediziner erinnert sich, wie er und seine Leute früher auf dem Weg zum Arbeitsplatz immer durch die Abteilung für Strahlentherapie gehen mussten. "Da lagen all diese schwer krebskranken Menschen; den wenigsten konnten wir helfen. Jedes Mal, wenn ich das sah, dachte ich: Heute musst du dein Bestes geben, um das zu ändern."

Wer die Ursachen verstehen und mit diesem Wissen neue Therapien finden will, muss die Moleküle zum Sprechen bringen. Dafür gibt es Maschinen. Sequenzer heißen sie im Laborjargon. Apparate in einem grauen Kunststoffgehäuse mit einem großen Display. In roten, grünen, schwarzen und blauen Zackenlinien spult die Maschine das Idiom des Lebens ab. Sein Alphabet besteht zwar nur aus den vier Buchstaben A, T, G und C – doch der Text, den die Maschine zu entziffern hat, ist so kompliziert, dass es noch lange dauern wird, bis alle seine Kapitel erschlossen sind. Das Molekül, das die Maschine gerade durchbuchstabiert, heißt 2-Desoxyribonukleinsäure, kurz DNA.

All unsere genetischen Daten sind in 23 lang gestreckten Molekülen abgelegt