Im Leben eines Menschen markiert der Sechzigste reifes Mittelalter, den Tag, an dem seine Leistungen gefeiert werden. Im Falle Israels aber sei vorweg an ein Wunder zu erinnern: dass dieser Staat, den die Araber schon in der Wiege auslöschen wollten, überhaupt existiert. Dass er die nächsten Kriege überlebt hat. Dass er 650000 Flüchtlinge aus der arabischen Welt aufgenommen hat – und dann eine Million aus Russland. Dass er trotz Terror eine Demokratie geblieben ist – die einzige in Nahost. Und dass die Nachfahren der "Geldjuden" heute (pro Kopf und weltweit) die meisten Ingenieure ausbilden.

In den hiesigen Medien sind diese Taten zwar besungen worden, aber allzu häufig als Vorrede zum Hauptthema "Israel-Kritik". (Gibt es auch "Spanien-" oder "Schweden-Kritik"?) Ein "Apartheid-Staat" sei Israel, der den Palästinensern Land und Würde raube, der in Korruption und Unterschleif versinke, den religiösen Ultras gehorche, in Reich und Arm zerfalle.

Würde man diese Elle an die Staaten ringsum anlegen, käme eine Anklageliste heraus, die kein Gericht je abarbeiten könnte. Aber vielleicht ist just die Kritik das Kompliment. Der Staat, an dem "etwas faul" ist, wie die FAZ notiert, wird mit zweierlei Maß gemessen, weil er ein Kind des Westens geblieben ist. Premier Ehud Olmert wird abtreten müssen, wenn sich die Korruptionsvorwürfe gegen ihn erhärten. Der hässliche Streit um Posten und Pfründen in der Knesset wird die nächsten freien Wahlen nicht verhindern. Ein Staatsgeheimnis in Jerusalem hat etwa die gleiche Lebensdauer wie in Berlin. Israel ist eben einer von uns, und deshalb sollte es das "Kompliment" der ungnädigen Beurteilung ertragen können.

Freilich lebt Israel nicht in der EU, wo Frieden seit 60 Jahren das Maß aller Dinge ist. Welcher andere Staat muss die Nachbarn um sein Existenzrecht anbetteln? Ist nicht schiere Tragödie im Spiel, wo den Israelis Herrschsucht, ja "Apartheid" unterstellt wird? In dieser Welt verschwimmen Täter und Opfer, weil sie beide um ihr gutes Recht, um Land und Heimat kämpfen.

Gut möglich, dass dieser Kampf von Recht gegen Recht auch den 70. und 80. Geburtstag Israels überdauert. Aber "Tragödie" ist eine Kategorie der Literatur, nicht der Politik. Diese muss tagtäglich handeln, als gäbe es den Urkonflikt nicht – Schritt um Schritt, Zug um Zug. Immerhin haben Kairo und Amman ihren Frieden mit Israel gemacht, nennt Olmert den Palästinenser-Präsidenten Abbas seinen "Freund". Ist das im Rückblick auf 1948 nicht das größte Wunder?

Wünschen wir Israel zum Sechzigsten "viel Glück und viel Segen". Und den Palästinensern im Vorhinein das Gleiche zum ersten Geburtstag ihres Staates, der kommen muss und kommen wird.

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