Silvio Berlusconi regiert wieder Italien. Seine europäischen Partner und die internationale Öffentlichkeit erwarten nichts Gutes von ihm – sie kennen ihn aus seinen beiden ersten Amtsperioden als großsprecherischen Windbeutel, sie haben ihn im Grunde abgeschrieben. Aber vielleicht sollte man Berlusconi doch für einen Augenblick beim Wort nehmen, wenn er eine Regierung aus einem neuen, reformerischen, ernsthaften Geist versprochen hat?

Er fühle sich als Staatsmann, hatte er gleich nach seinem triumphalen Wahlsieg Mitte April erklärt. Tatsächlich verzichtete er gänzlich auf Siegesfeiern. Er signalisierte der Mitte-links-Opposition Gesprächsbereitschaft für Verfassungsreformen. Der Regierungschef sprach Oppositionsführer Walter Veltroni Anerkennung für dessen "Schattenkabinett" aus – eine großzügige Geste des Siegers. Auch bei der Vereidigung seines Kabinetts übte Berlusconi noble Zurückhaltung. Hatte er früher jede Gelegenheit zur Selbstdarstellung genutzt, schien er sich jetzt fast schon hinter seinen 21 Ministern verstecken zu wollen. Noch nicht einmal der Sieg seiner Fußballmannschaft AC Mailand im Lokalderby gegen Meister Inter Mailand konnte dem Tribünenzuschauer Berlusconi mehr abringen als ein breites Lächeln. Dabei ist es noch nicht lange her, dass er jedem Stadionsieg eine politische Dimension gab.

Berlusconi scheint das Draufgängertum wie eine alte Haut abgelegt zu haben. Freilich hat sich seine junge Regierung schon mit Libyen angelegt. Was allerdings nicht am Regierungschef, sondern an einem Minister lag. Tripolis protestierte gegen den Lega-Nord-Exponenten Roberto Calderoli. Der 52-jährige Zahnarzt hatte vor zwei Jahren im Fernsehen ein T-Shirt mit Mohammed-Karikaturen getragen – ein Auftritt, der in Libyen zu Unruhen mit elf Toten führte. Jetzt warnte der älteste Sohn des libyschen Staatschefs Muammar al-Gadhafi vor "katastrophalen Folgen" im Verhältnis zwischen beiden Ländern, falls Calderoli zum Minister ernannt würde. Libyen drohte außerdem mit dem Ende der Zusammenarbeit bei dem Versuch, den Flüchtlingsstrom von Nordafrika nach Sizilien zu limitieren. Calderoli gelangte trotzdem ins Kabinett. Berlusconi schuf für den Lega-Hardliner ein neues Ressort mit Orwellschem Titel: Ministerium für Vereinfachung. Der Minister, der das von ihm selbst kreierte gültige Wahlrecht heute als "Schweinerei" bezeichnet, soll nun gleich den gesamten italienischen Gesetzeskatalog simplifizieren. Für die Schmähung des Propheten Mohammed hat er sich inzwischen entschuldigt.

Seine erste Kabinettssitzung will Berlusconi in Neapel abhalten, wo schon wieder fast 3000 Tonnen Müll auf den Straßen liegen. Zur Umweltministerin machte er die in diesem Ressort vollkommen unerfahrene blonde Sizilianerin Stefania Prestigiacomo. Zur Ministerin für Gleichberechtigung berief der Regierungschef die 32-jährige Mara Carfagna, ein früheres Showgirl aus seinen Fernsehprogrammen. Insofern ist im staatsmännischen Neubeginn doch die Kontinuität zum alten Berlusconi gewahrt. Wir berichten weiter.