Angela Merkel hat ihre ersten starken Eindrücke von Lateinamerika schon vor Beginn der Reise empfangen, die sie vom 13.bis zum 20. Mai auf den Subkontinent führt: Venezuelas Staatschef Hugo Chávez rückte die Bundeskanzlerin rhetorisch in die Nachbarschaft des Nationalsozialismus, als Erbin einer politischen Rechten, "die Hitler und den Faschismus unterstützt hat". Venezuela gehört nicht zu den Ländern, die Merkel besucht, und sie hatte dem linken Populisten Chávez das Recht abgesprochen, für Lateinamerika zu sprechen. Die Reisestationen der Kanzlerin sind die gemäßigten oder prowestlichen Staaten Brasilien, Kolumbien und Mexiko, dazu die peruanische Hauptstadt Lima, wo am 16. Mai ein Gipfeltreffen der EU-Staats- und Regierungschefs mit den lateinamerikanischen Präsidenten stattfindet.

Aus Sicht der Europäischen Union spielt Lateinamerika auf der Weltbühne eine immer ernster zu nehmende Rolle – Brasilien und Mexiko sind Mächte mit mehr als regionalem Anspruch, Brasilien ist sogar ein respektabler Bewerber für einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Zugleich leben von den 550 Millionen Einwohnern des Subkontinents mehr als 200 Millionen unter der Armutsgrenze. 80 Millionen leiden Hunger. Die Strategie der EU ist es, mit der Bekämpfung von Armut zugleich sich selbst zu helfen. Denn ebenso wie Lateinamerika weiteren Wirtschaftsaufschwung und good governance nötig hat, braucht Europa den Kontinent als Absatzmarkt – und für den Klimaschutz, wie Brüsseler Diplomaten gern etwas lauter verkünden.

Die Bundesregierung hofft darauf, dass zwischen der EU und der lateinamerikanischen Freihandelszone Mercosur bald ein Assoziierungsabkommen zustande kommt – bislang stocken die Verhandlungen. "Während die Mitglieder des Mercosur einen besseren Zugang zum abgeschotteten EU-Markt für Agrarprodukte anstreben, erhoffen sich europäische Unternehmen Erleichterungen für Investitionen und bei der Vergabe von Staatsaufträgen", heißt es im Lateinamerika-Strategiepapier der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Europa muss sich beeilen, denn vor allem China macht als Handelspartner Konkurrenz – durch den massenhaften Import von Rohstoffen und den Export von Technik. "Die EU, mit 20 Prozent Anteil die weltgrößte Handelsmacht, wickelt hingegen mit Lateinamerika weniger als 5 Prozent ihres gesamten Außenhandels ab", klagt die Union. Höchste Zeit, den vom Europäer Kolumbus entdeckten Kontinent ein zweites Mal zu entdecken.