Der Pianist und Dirigent Jos van Immerseel hat ein Händchen dafür, im falschen Moment das Richtige zu tun. Er legt Einspielungen vor, für die der Markt keinen Bedarf hat. Er präsentiert Komponisten und Werke, die sowieso alle paar Tage in Neuaufnahmen eintrudeln. Immerseel bedient konsequent die Überfülle.

Jetzt ist wieder so ein Moment: Philippe Herreweghe, Giovanni Antonini, Paavo Järvi, Bertrand de Billy und Osmo Vänskä präsentieren derzeit im Quartalsabstand neue Beethoven-Aufnahmen, alle unter dem Signum historisch ausgreifender Entdeckerfreude, sodass man sich für Sekunden fast nach einer altmodischen Lesart sehnt. Aber wirklich nur für Sekunden: Die heutige Dialektik der Spielpraxis ist erlebnisoffen und undogmatisch, sie kombiniert Darmsaiten und Ventile, melodiöse Grazie und rhythmischen Biss, sodass man überall wundervolle Mikropartikel für Beethovens Makrokosmos finden kann.

Und nun kommt Immerseel und schiebt uns mit seinem Ensemble Anima Eterna einen kleinen Karton mit allen neun Beethoven-Sinfonien auf den Tisch. Dezenter geht es kaum, triumphierender auch nicht. Braucht die Welt diese Aufnahmen? Ja, dringend. Sie sind nicht alle überzeugend, aber wo sie stark sind, wirken sie beinahe unersetzlich.

Gewiss gelingt Immerseel manche groß ausgedachte Lösung nur klein und begrenzt, die Neunte kann er mit einem Kammerchor nicht in eine visionäre Umlaufbahn katapultieren, und an die grandiose Leibowitz-Aufnahme darf man wirklich nicht denken. Aber auf dem engeren Parcours glücken jene himmlisch kleinen Schritte, mit denen sich ganz große Strecken bewältigen lassen – etwa in der anspringenden Comicwelt der Ersten Sinfonie C-Dur, im Quirl der Vierten Sinfonie B-Dur, im orgiastischen Zirkus der Siebten Sinfonie A-Dur. Aus diesen Interpretationen Immerseels springen zahllose Details, die für nachdrückliche Korrektur konventioneller Lösungen oder wenigstens für geistvolle Randglossen sorgen.

Doch ereignishaft, unwiderstehlich und schier endgültig formt Immerseel die Sechste Sinfonie FDur, die häufig auf die Weide schieren Wohlklangs getriebene Pastorale. Hier ist Immerseel der Künstler, der die Idee eines Gemäldes zunächst miniaturhaft grundiert und es dann mit Öl übergießt. Aber es ist das Öl im Feuer, wie man immer bedrängter merkt, je länger man die Aufnahme hört. Der Kopfsatz atmet schwingende Unruhe, die "Szene am Bach" hat tückische Luftspiegelungen, gleich einer umwaldeten, umglucksten Fata Morgana, und das Gewitter ist endlich eines, das diese Bezeichnung auch verdient. Wenn danach die bukolische Danksagung erfolgt, hat man den Schrecken noch in den Knochen, und es ist die herrliche Kunst Immerseels, dass er die klimatische Explosion nachbeben lässt, wenn vermeintlich alles vorbei ist.

So ist denn dieser kleine unzeitgemäße Karton in Wahrheit ein Kleinod zur richtigen Zeit. Denn es will warm werden, und alles drängt an die Bäche und in die Natur.

Ludwig van Beethoven: Symphonies – Ouvertures, Zig-Zag Territoires ZZT 0800402.6/Note 1, 6 CDs