Ich war fünfzehn und lebte in der richtigen Kleinstadt, aber in der falschen Zeit: 1980 gingen sogar in Nienburg an der Weser BWL-Studenten, so sie denn den Kragen ihres Poloshirts aufstellten, als Popper durch. In meiner Klasse gab es einen Rocker, der jeden Morgen das Wort death auf die Tafel schrieb; er trug eine Nietenjacke, und weil er sich die nasse Nase am Ärmel abwischte, stand er in dem Ruf, gemeingefährlich zu sein. Wer Bier aus der Pulle trank, galt als attraktiver Außenseiter. Karl löste Zahnpasta in einem Glas Bier auf und spülte sich morgens damit den Hals – also war er eindeutig ein harter Kerl, also musste er sich in der Pause mit dem Rocker raufen.

Ich schaute zu und dachte jedes Mal: Die Jungs glühen wenigstens für eine Sache, ich aber bin nix. Nixsein war verheerend, mit einer Poppertolle, mit weißen Armschweißbändern oder mit Knieschlitzen in der Jeans konnte man punkten. Ich wurde allein beim Anblick von Grasbüscheln romantisch, Romantik ohne Pomp half aber nicht weiter. Dann, eines Abends, drückte mir die dicke Tochter eines Masseurs eine Platte an die Brust, lief rot an und rannte weg. Sie hatte mich zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen, ich aber aß nur die Chipsschale im Sitzen leer und schlich davon. Zu Hause legte ich die Platte auf, mein Onkel, bei dem ich für ein Jahr untergekommen war, stürmte wegen des Krachs herbei, gefolgt von meiner Tante. Sie sagte: Was ist das, Herrgott noch mal? Ich sagte: Never Mind the Bollocks, und die Musikgruppe heißt Sex Pistols. Sie wollten schlafen und verbaten sich zur Nachtstunde das Irrengeschrei. Am nächsten Morgen verzichtete ich auf Kaffee und Brötchen, lauschte den Gesängen der Beischlafpistolen, und da war mir, als wäre ich verwandelt. Punk, dachte ich auf dem Schulweg, Punk ist Peng, ist der Krach, der entsteht, wenn man mit der Flinte Kiefernzapfen vom Ast ballert.

Ich holte in der Klasse Erkundungen ein, die Jungs sagten, das wäre ein ganz fieses Ding, die Mädchen sagten, das wäre asozialer Mist. Noch am selben Tag stach ich mir eine Sicherheitsnadel durch die rechte Wange. Ich kam nicht sehr weit, weil plötzlich mein Onkel im Türrahmen stand und mich mit großen Augen anstarrte. Er nahm mich zu einem Waldspaziergang mit, und während er Steine aus dem Weg kickte, erzählte er mir über die Pubertät als harte Etappe im Leben eines jeden Mannes. Am übernächsten Tag saß ich im Vorzimmer einer Hautärztin, meine Wange sah aus wie eine geschmorte Ochsenbacke, die Ärztin nahm sich viel Zeit und empfahl mir den Umgang mit einer aparten jungen Dame.

Ich war nicht mehr nix, Nienburg brannte, und auf den Partys tanzte ich Pogo. Die Jungs fühlten sich übel angerempelt und wollten mir Backpfeifen verpassen, die Mädchen gingen dazwischen. Bald galt ich als gefährlicher Depp, den man am besten in Ruhe ließ. Nur ein Mädchen, das an ihren Zähnen lutschte, wenn sie nervös wurde, schaute mich heimlich an. Dann kam sie in der Pause zu mir und sagte: Bist du jetzt ein Punker oder was? Ich lief knallrot an, sie musste an ihren Zähnen lutschen, und am Nachmittag waren wir zusammen.

Sex Pistols: Never Mind The Bollocks – Here’s The Sex Pistols

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu lebt in Kiel