Wir Hörer haben es gut. Noch nie gab es so viel und so vielfältige Musik wie heute. Und wir haben es schlecht. Noch nie war der Zugang zur Musik so umstritten, rechtlich ungesichert, von so vielen Fragezeichen flankiert. Grund: Die Technik, Musik aufzuzeichnen, zu speichern, weiterzuleiten und wiederzugeben, hat gewaltige Sprünge getan.

Vor nicht einmal sieben Jahren, am 23. Oktober 2001, kam Apples erster iPod heraus. Im Zusammenspiel mit komprimierten Klangdateien und der Verteilungsmacht des wwweltweiten Netzes hat er die Musikindustrie in lebensgefährliche Bedrängnis gebracht. Der Ton löste sich vom Träger. Was bis dahin auf teuren CDs unter der Kontrolle der Konzerne war, gab es plötzlich von Enthusiasten für lau, wenn auch illegal. Und: Die Hörer konnten es mit sich herumtragen. Pubertierende Sammler mussten nicht mehr mit ihren Platten protzen – Festplatte genügte.

Die jungen Musikfreunde begannen einen Tanz auf dem Sarg der Rechteinhaber; aber der Sarg wollte und will sich nicht schließen. Aus den Schlitzen wird immer noch scharf geschossen. Die Musikindustrie ist untot, ihr Geheul dauert an. So befinden wir uns jetzt, im Mai 2008, noch immer in einer Übergangszeit. Hier die neuen, faszinierenden Techniken, angewandt ohne Rücksicht auf Eigentumsrechte; dort die Klangverwalter in Industrie und Copyright-Behörden, die den Gang der Dinge erst verschliefen und ihn seither vergeblich zu stoppen versuchen. Teils mit dem im Alltagsgebrauch sehr lästigen Kopierschutz auf CDs und Klang- dateien, teils mit saftigen Abmahnungen gegen Musikdiebe, die nicht selten die computerbesitzenden Eltern treffen statt ihrer minderjährigen Stibitzbuben.

Doch diese Phase geht dem Ende zu. Die Industrie hat nicht gesiegt, sondern die Einsicht, dass neue Möglichkeiten neues Denken erfordern. Man kann nicht auf dem Verkauf von CDs beharren, wenn Millionen Hörer sich aus dem Netz bedienen wollen. Vielleicht sollte man denen lieber die Möglichkeit geben, einen akzeptablen Preis für Musik zu bezahlen. Dies geschieht erstmals in großem Umfang seit dem Jahr 2003, als Apple seinen iTunes Store im Internet eröffnete. Das Geschäft entwickelte sich rasant; die Industrie sah staunend zu. Im April 2007 gab der Musikkonzern EMI Apples Drängen nach und erlaubte erste Netzverkäufe ohne Kopierschutz. Im Januar 2008 hat Sony BMG nachgezogen und bietet "ungeschützte" Downloads an. Kurios nur, dass man zuvor noch in den Laden gehen muss (in Deutschland zu Saturn), um dort fürs Downloaden zu bezahlen.

Immerhin setzt das uns Kunden in Bewegung. Weltmarktführer iTunes war lang genug allein auf weiter Flur. Nun bekommt er endlich Konkurrenz. Wal-Mart, Amazon und Nokia haben ebenfalls virtuelle Musikläden eröffnet. Schon komisch: Eine Supermarktkette, ein Onlinebuchhändler, ein Mobiltelefonhersteller und ein Computerunternehmen machen das Geschäft der Musikindustrie. Der Vorteil für die Kunden ist, dass die Preise fallen. Inzwischen kostet ein ungeschütztes Lied, das man beliebig oft auf CD brennen kann, weniger als einen Euro.

Freilich gibt es noch viel technisches Dickicht. Wer was wie bezahlen und herunterladen kann, das ist von Land zu Land verschieden, und den richtigen Browser muss man auch noch haben. So gibt es wohl einen Durchbruch im Musikverkauf übers Netz zu vermelden, aber noch nicht die endgültige Überwindung des Durcheinanders. Welche Firma den Dschungelkampf gewinnen wird, muss sich weisen; vermutlich jene, die ihren Kunden am weitesten entgegenkommt – und das wäre ja nicht so schlecht.

Apple hat inzwischen sechs Millionen Titel im Angebot, davon zwei Millionen ohne Kopierschutz. Amazon kontert mit 4,5 Millionen Titeln ohne Kopierschutz, unterstützt von der wiedererwachten Musikindustrie, die Apples Pioniergeist nicht als Segen, sondern als Bedrohung empfindet. Unterdessen ist der amerikanische CD-Absatz 2007 gegenüber dem Vorjahr noch einmal um 15 Prozent zurückgegangen und auf 500 Millionen Stück gefallen – das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebungen. Der Online-Single-Absatz ist im Vergleichsjahr um 45 Prozent auf 844 Millionen Dateien angewachsen.