Wo auch immer man in diesen Kinozeiten hinschaut, man kann ihnen nicht entkommen, den zornigen alten Männern am Rande der Erschöpfung: Bruce Willis stirbt noch einmal langsam, Sylvester Stallone steigt als Rocky abermals in den Ring, auch als John Rambo wird er demnächst wieder seine Blutspur ziehen, vielleicht weil man ihn aus der Ruhe seines asiatischen Walden vertrieben hat, wahrscheinlicher weil er Ruhe sowieso nie gefunden hat. Selbst Steven Seagal und Jean-Claude Van Damme schießen und prügeln weiter, und ihre Filme werden merkwürdigerweise umso authentischer, je schmutziger und leerer sie werden. Nur Kurt Russell, der es verdientermaßen zum Tarantino-Helden gebracht hat, schlägt noch aus dem Alt-und-erschöpft-Sein die Action-Funken des rebel hero.

Mit großem Getöse feiert nun auch in Cannes einer der Letzten dieses ewig erzürnten Männerkinos seine Wiederkehr: Dr. Henry Jones jr. alias Indiana Jones alias Indy. Wir wissen fast alles über ihn. Dass er 1899 in New Jersey geboren wurde, als Sohn von Dr. Henry Jones sr., der aussieht wie Sean Connery und durch sein kühles Wesen dem Jungen das eine oder andere kleine Seelenproblem bescherte. Früh ist er mit seinen Eltern auf Weltreisen gegangen, Abenteuer hat er schon als Pfadfinder erlebt. In den dreißiger Jahren lehrte Dr. Jones Archäologie und ging nebenbei auf Schatzsuche. Während er kultische und okkulte Dinge suchte, den Heiligen Gral oder die Bundeslade, hatte er es mit chinesischen Gangstern, mit Femmes fatales, Banditen, fanatischen Sekten und Nazis zu tun – und nun, im vierten Teil, sind es russische Soldaten und urtümliche Krieger. Wir kennen seine Markenzeichen, die Lederjacke, den Fedora-Hut und die Peitsche. Wir wissen, dass er unter einer Schlangenphobie leidet, seit er als Junge in einen Zirkuswagen voller Nattern fiel. Dass er mit Frauen kein Glück hat und dass er auch beim Schatzsuchen am Ende meistens ohne das begehrte Objekt dasteht.

Indiana Jones ist ein nostalgischer Held mit einem Hauch von pulp noir . Das heißt, im Vergleich zu einer Comicfigur hat dieser Charakter, der den auf holzhaltigem Papier (pulp) gedruckten Comics der vierziger Jahre entsprungen scheint, ein komplizierteres Innenleben und seine dunklen Seiten. Dauernd macht er Fehler; er wird verletzt, er gerät in Situationen, in denen er hilflos wirkt, er bekommt seinen Zorn nicht in den Griff und manchmal auch nicht seine Gier nach den magischen Schätzen; ohne unverschämtes Glück wäre Indiana Jones schon lange hinüber.

Vor allem aber ist Indy einer der letzten großen infantilen Helden, ein ewig suchendes Kind. Dr. Jones muss sich in Indiana Jones verwandeln, weil er einerseits in seiner bürgerlichen Existenz vor Langeweile umkommt, andererseits aber weil er unter dem Peter-Pan-Bewusstsein seines Schöpfers Steven Spielberg leidet: Kindbleiben und Erwachsenwerden sind gleich unmöglich. Oft bringt ihn ein infantiler Schub in eine moralische Situation, die nur ein Erwachsener lösen kann, und umgekehrt. Auf der Tiefenebene der Filme und ganz und gar magisch-spielbergianisch ist er wohl auf der Suche nach einem Vater.

Die Aufgabe: Vater werden und doch Kind bleiben

Auch Religionen spielen dabei eine Rolle; wie seinen Papa, so sucht Indiana Jones offensichtlich auch eine religiöse Identität, die er nicht in einer Idee oder einem Glauben, sondern in einem »mächtigen Ding« vermutet, das Jüdische (im ersten Film: Raiders of the Lost Ark), das Hinduistische (im zweiten Film: Indiana Jones and the Temple of Doom), das Christliche (im dritten: Indiana Jones and the Last Crusade), nun im vierten Film der Serie (Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull) eine Mayalegende oder esoterische Mystifikation. Auf jeden Fall geht es wieder um nichts weniger, als herauszufinden, wo die Menschen herkommen, ob aus der Macht der Götter oder aus dem Urschlamm der Geschichte. Vielleicht treibt sich Indiana Jones im Grenzgebiet zwischen Familienroman und Kosmologie herum, weil er genau das nicht herausgefunden hat.

Aber weil er die spirituelle Seite seiner Suche negiert, droht Indiana Jones immer wieder Werkzeug des Bösen zu werden. Man könnte sagen: Weil er die Erleuchtung verpasst, wird er Opfer des Fundamentalismus jeder Religion. Let it go ist die große Lektion, die der Vater ihm erteilt im dritten Teil; im neuen Film erleben wir nun einen Indiana Jones, der older and wiser geworden ist. Er selber nun muss in die Vaterrolle hinein, nicht nur als Lehrer, sondern auch für die beiden Begleiter, seinen vermutlichen Sohn (Shia LaBeouf), den er vor Zynismus, und Mac (Ray Winstone), den er vor Gier bewahren muss.