Irgendetwas stimmt nicht mit Israel. Im Unicef-Almanach Kinder aus aller Welt steht Michael aus Jerusalem zwar friedlich neben Olja aus Moskau und Taylor aus New York. Dennoch ist mein Sohn misstrauisch geworden. Offensichtlich sprechen wir anders über Israel als über Russland oder die USA. Vielleicht sind es auch die Reaktionen von Freunden, die ihn stutzig werden lassen, als er erzählt, dass sein Vater nach Israel fliegt. Am Abend vor der Abreise fragt er: »Was für ein Land ist Israel?« Und: »Warum ist es dort gefährlich?«

Gute Fragen, Kinderfragen. Wie erklärt man einem Achtjährigen Israel? Womit fängt man an – mit dem Alten Testament oder dem Holocaust? Jesus ist zwar nicht ganz richtig, aber immerhin ein Anhaltspunkt. Und für den Anfang besser als Hitler.

Vier Tage später in Jad Vaschem, der nationalen Gedenkstätte Israels für die Opfer des Holocaust. Fast zwanzig Jahre lang hat Yaacov Lozowick hier gearbeitet, zuletzt als Leiter der Archivabteilung. Er sei ein überzeugter Zionist, sagt er, bevor Missverständnisse aufkämen. Doch es ärgert ihn, dass die historische Ausstellung über den Mord an den sechs Millionen Juden mit der Gründung des Staates Israel endet. Die Teilung Palästinas per UN-Beschluss und die Proklamation der israelischen Unabhängigkeit im Mai 1948, das mag eine Antwort auf den Holocaust gewesen sein. Aber den Massenmord zur Vorgeschichte zu verzwergen und den sinnlosen Opfern damit nachträglich einen Sinn zu geben, das widerstrebt dem Historiker und Zionisten.

Im Gespräch mit meinem Sohn komme ich ohne Hitler und Holocaust dennoch nicht weiter. Judenverfolgung, Judenvernichtung, Judenstaat. »Wie sehen Juden aus?« Wie wir, mein Kind. »Und woher wusste Hitler dann, wen er umbringt?«

Grisha Alroi-Arloser wurde in Sibirien geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Er arbeitete für die israelische Botschaft in Bonn und als Geschäftsmann in München. Erst vor Kurzem zog er nach Tel Aviv. Dort geht nun auch sein Sohn zur Schule, ein achtjähriger Israeli, der sechs Jahre in München gelebt hat. Vor 14 Tagen sei sein Junge weinend nach Hause gekommen, erzählt der Vater. Der Jom haSchoah, der Gedenktag für die Toten des Holocaust, sei »der schlimmste Tag« seines Lebens gewesen. Warum? Seine Tel Aviver Mitschüler hatten mit dem Finger auf ihn gezeigt: »Du bist Deutscher!«

»Vor allem: Keine Normalisierung«, schreibt Amos Oz über die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. »Die Enkel der Mörder tragen natürlich kein Kainsmal, aber die Enkel der Ermordeten sind zumeist Menschen mit verletzter Seele.« Doch je jünger die Enkel sind, desto weniger zählt die Geschichte. Laut einer ZDF-Umfrage sehen unter den 30- bis 39-jährigen Deutschen gerade noch 29 Prozent eine besondere Verantwortung ihres Landes gegenüber dem Staat Israel. Mein Sohn ist acht. Wenigstens diese Verantwortung sollten wir annehmen und versuchen, die Geschichte zu erklären.

Ach ja, warum ist es in Israel gefährlich? Weil das Land einen Krieg führt, mein Sohn. Weil die Israelis mit ihren Nachbarn um dasselbe Land streiten. Weil sie auf ihre Nachbarn schießen und von ihnen beschossen werden. 22437 israelische Soldaten sind in den vergangenen 60 Jahren gefallen, habe ich gelernt. »Warum teilen sie sich das Land nicht, Papa?«