Die Frage an Oliver Kahn war, ob es ihm schwerfallen wird, bald nicht mehr OLIVER KAHN zu sein. Nun macht er schmale Augen, wie er es zigmal in Interviews getan hat, und zieht zischend Luft ein, als würde er unter Schmerzen um eine bedeutsame Antwort ringen. Um irgendetwas Großes, Bleibendes. Und dann sagt er: "Nee."

"Nee", sagt er also und lacht zur Decke hinauf, knarzend, knatternd, auch das kennt man von ihm. Vielleicht lacht Oliver Kahn, weil ihm die Antwort so leichtfällt. Vielleicht lacht aber auch OLIVER KAHN, mal wieder voller Freude an der eigenen Lakonie. Es ist schwer auszumachen, wer gerade redet, wenn dieser Mann spricht, Oliver Kahn, der Mensch, oder OLIVER KAHN, die öffentliche Person, die Marke, der Mythos. Vermutlich weiß er das selbst nicht immer so genau.

Um das Verhältnis der beiden soll es gehen bei diesem Treffen im Frühjahr 2008, kurz bevor der Mensch die Marke verlässt. Oliver Kahn ist ja nun auch schon oft erwähnte 38, sein erstes Spiel in der Bundesliga liegt über zwanzig Jahre zurück, mehr als die Hälfte seines Lebens. Sein letztes Spiel ist: diesen Samstag. Der Mann, der immer weitermacht, hört auf.
"Der Körper", sagt Kahn und zieht die Silben ganz lang, "der Körper ächzt jetzt doch ein bisschen."

Es ist acht Uhr abends, Kahn sitzt in der kühl-kargen Lobby des Sheraton Carlton Hotels in Nürnberg. Die Bahnhofsödnis jenseits der Fensterfront könnte auch zu Hannover oder Frankfurt gehören, egal, von den hermetischen Hotelwelten betrachtet, in denen ein Club wie der FC Bayern Quartier nimmt, sehen alle Auswärtsstädte gleich aus. Ein Zug schrammt durch die Dämmerung, in der Hotelbar zerkauen Kahns Kollegen Ribéry und van Buyten ein paar Nüsse und sichtbar auch die Langeweile. Kahn sagt gleich zu Beginn, dass er Abende wie diesen nicht vermissen werde, "diese stääändigen Hotelaufenthalte, diese stääändige Reiserei, diese stääändige Monotonie." Den Satz leiert er runter wie ein Gedicht, dessen er müde geworden ist.

Auf die Minute pünktlich war Kahn im Foyer erschienen, geräuschlos, filigraner, als das Fernsehen ihn wirken lässt, mit einem Händedruck auch, der sanfter ausfällt als erwartet. Es ist wohl sein Schicksal, dass noch jede Nichtigkeit mit seinem Image abgeglichen wird. Zum Beispiel, dass er den Kellner um einen Kamillentee bittet und nicht um einen isotonischen Durstlöscher. " Aber ohne Zucker!" Wenigstens das.

Muss man ihn noch vorstellen? Als Torwart und Titelsammler, als Rüttler und Rempler, als Bild- Titan und Klinsmann-Opfer? Kahn ist den Deutschen ja nicht entgangen. Er war ihr Hassgeliebter. Und einen Sommer lang der Rückhalt ihrer Volksseele – jedenfalls dann, wenn der Gegner den Ball hatte, 2002 bei der Weltmeisterschaft in Japan, wo Kahn zu KAHN wurde, weil er jeden Schuss hielt, nur nicht im Finale.

Vier Jahre später, bei der Weltmeisterschaft in Deutschland, wurde KAHN wieder zu Kahn, da haben noch mal alle hingeschaut. Wir kennen das Babyblau seiner Trikots, wir kennen seine Spielfeldrand-Rhetorik, wir kennen seine öffentliche Biografie, übervoll mit Ehrgeiz, Ehrungen und mancher Entgleisung. Und doch: Streicht man die Zeitlupenerinnerungen, das Illustriertenwissen, die Vorurteile, den Respekt auch, dann ist das Bild von ihm: fast leer. Als habe sich Oliver Kahn die meiste Zeit hinter OLIVER KAHN versteckt. Welcher Mensch wird da im Augenblick des Abgangs zum Vorschein kommen?