Das Beben erwischte den Maler beim Mittagsschlaf. Xu Hengyu sprang auf und versteckte sich in der Toilette. Ein kleiner Raum sei sicherer, dachte Xu. Dann hörte er es im ganzen Haus scheppern und krachen. Bücherschränke kippten um, Vasen platzen, Porzellan zerbrach in tausend Stücke. "Es war der gefühlte Weltuntergang", sagt Xu, nachdem er mit seiner Frau in einem provisorischen Zelt Unterschlupf gefunden hat.

Dujiangyan mit seinen 600000 Einwohnern ist die vom Beben am schwersten getroffene Großstadt. In einem fünfstöckigen Neubau unterhält Xu ein großes Atelier für tibetische Malerei. Kaum hat sich die Erde nach dem ersten Stoß wieder beruhigt, rennen er und seine Frau auf die Straße ins Freie. Xu erkennt seine Umgebung nicht wieder: Der Himmel ist gelb von Staub, die Menschen schreien und weinen, erste Tote und Verletzte werden geborgen, Sirenen ertönen, bald sind die Straßen voller Polizisten und Krankenhelfer. In Straßen und Parks werden Zelte aufgebaut. Bis zum Abend ist der Premierminister aus Peking in der Stadt. Xu ist 65 Jahre und zum Zupacken zu alt. Er hat Zeit, sich umzuschauen. In 300 Meter Entfernung ist eine Schule eingestürzt, Kinder liegen in ihr begraben, viele können gerettet werden, viele nicht. Xu lobt den Einsatz der Helfer. In der Nachbarschaft hat es vor allem die alten Holzhäuser erwischt. Sie sind wie vom Erdboden verschluckt. Verschwunden ist das alte Dujiangyan mit seinen berühmten Bambus-Teehäusern an den Ufern der vielen kleinen Bewässerungskanäle. Die Stadt zählt neben der Großen Mauer bei Peking und dem Großen Kanal zwischen Gelbem Fluss und Jangtse zu den drei Weltwundern der chinesischen Antike: Dujiangyan kennt jeder Chinese wegen des hier ausgelegten genialen Bewässerungssystems – das Beben hat ausgerechnet das Venedig des Ostens getroffen.

Xu erinnert sich noch an das Beben von Tanshan in Nordchina, das 1976 über 200000 Opfer forderte. Damals erfuhr man wenig, jetzt berichtet das Fernsehen ausführlich. "Ein Beben wie dieses hat Sichuan noch nie erlebt", sagt Xu. Gemessen an der Herausforderung, reagiere die Regierung schnell und überzeugend: "Früher wären Liveberichte unvorstellbar gewesen."