Die Entdeckung des Mitgefühls

Bei Parma denken Schlemmer an Schinken und Käse, Opernliebhaber an die Heimat von Verdi. Kaum jemand aber weiß, dass in dieser Stadt eine der bedeutendsten Entdeckungen der Hirnforschung gelang. Vor gut 15 Jahren stieß eine Gruppe junger Mediziner auf ganz besondere Neuronen – graue Zellen, denen wir die Fähigkeit zur Nachahmung, zum Mitgefühl und wahrscheinlich auch zum Sprechen verdanken.

Der Fund wurde weltweit gefeiert, doch die Helden entzogen sich dem globalisierten Forschungsbetrieb. Statt nach den üblichen Jahren in Boston und Berkeley Lehrstühle auf beiden Seiten des Atlantiks zu besetzen, kehrten sie nach Parma zurück, um gemeinsam weiterzuarbeiten.

Vittorio Gallese, Professor für Neurophysiologie an der Universität Parma, ist einer von ihnen. In Parma geboren, redet er im Restaurant mit der gleichen Begeisterung über die Feinheiten einer Gänseleber wie über die der motorischen Großhirnrinde. Und über der Tür seines Arbeitszimmers, dort, wo anderswo in Italien das Kruzifix hängt, wacht Verdis Porträt.

Stefan Klein: Professor Gallese, die wichtigste Entdeckung Ihres Lebens gelang Ihnen, als Sie Arzt im Gefängnis waren.

Vittorio Gallese: Damals hatte ich gerade meinen Dienst als Sanitätsoffizier der Luftwaffe hinter mir und wollte forschen. Die Universität gab mir keine Stelle. Aber im Gefängnis war eine frei. Also arbeitete ich tagsüber unbezahlt im Labor, während ich nachts und am Wochenende in der Strafanstalt mein Geld verdiente. So ging es fünf Jahre lang. 1992 endlich bekam ich einen Job – an der Universität Tokyo.

Klein: Empfanden Sie Mitgefühl mit Ihren Patienten? Sie müssen ja gewusst haben, warum die einsaßen.

Gallese: Ich versuchte so wenig über ihre Vorgeschichte zu erfahren wie nur irgend möglich. Als Arzt wollte ich heilen, nicht urteilen. Aber natürlich ging es meistens nicht, weil die Verbrechen in den Akten und in der Lokalpresse standen. Interessanterweise fühlte ich trotzdem mit den Häftlingen – selbst mit den Serienmördern und Männern, die ihre Opfer in Säure aufgelöst hatten.

Die Wärter haben mich immer wieder gefragt: "Warum bemühst du dich um so einen?" Aber diese Männer standen mir in Fleisch und Blut gegenüber, sprachen von ihren Frauen, hatten eine persönliche Geschichte, wie ich. Es waren keine ganz anderen Wesen. Und nicht zuletzt teilten wir eine Umgebung. Sieben Türen schlossen sich hinter mir auf dem Weg von der Straße bis in mein Büro; ich wusste genau, wie es ist, wenn man von der Außenwelt weggesperrt ist. Weil ich letztlich mit ihnen lebte, fiel es mir nicht schwer, mich in meine Patienten hineinzuversetzen.

Mitgefühl ist nicht einfach da, es entsteht durch die Situation. Wir beginnen gerade, solche Effekte systematisch zu untersuchen: Wie ändert sich Empathie mit dem Umfeld, in dem sich Menschen begegnen? Und wie hängt sie von den Erbanlagen und der Geschichte der Personen ab?

Klein: Doch nicht das Gefängnis hat Sie dazu gebracht, sich als Forscher solchen Fragen zu widmen.

Gallese: Keineswegs. Mein Zugang war viel grundsätzlicher: Anfangs wollten wir am Institut nur besser verstehen, wie das Großhirn den Muskeln Handlungsanweisungen gibt. Dass wir damit auch dem Mitgefühl auf der Spur waren, ahnten wir damals noch nicht.

Klein: Was Sie fanden, war ein Mechanismus, mit dem das Gehirn die Gedanken und Gefühle anderer lesen kann. Kollegen haben erklärt, Ihre Entdeckung sei so bedeutsam, wie es die Entschlüsselung der Erbsubstanz DNS war. Wie fühlt man sich nach einem solchen Erfolg?

Gallese: Selbst in Dr. House , der amerikanischen Arzt-Fernsehserie, ist ja inzwischen von Spiegelneuronen die Rede. Aber ehrlich gesagt denke ich wenig darüber nach. Ich weiß auch nicht, ob man Erkenntnisse aus so verschiedenen Bereichen der Wissenschaft wie Genetik und Hirnforschung ohne Weiteres miteinander vergleichen kann. Und schließlich habe ich die Spiegelneuronen nicht allein gefunden. Wir waren und sind eine Gruppe von gleichberechtigten Forschern, von denen damals übrigens viele unbezahlt arbeiteten. Giacomo Rizzolatti, Leonardo Fogassi und Luciano Fadiga gehörten dazu.

Allerdings wussten wir von Anfang an, dass unser Fund ein sehr wichtiger war. Und was uns alle weiter bei der Arbeit antreibt, ist, dass die Reichweite unserer Entdeckung deutlich größer sein dürfte, als wir es heute ermessen können.

Klein: Man erzählt sich, Sie wären niemals ein berühmter Hirnforscher geworden, hätten Sie damals nicht einem Ihrer Affen die Erdnüsse stibitzt.

Gallese: Nun ja, es war wirklich eine Zufallsentdeckung: Wir leiteten elektrische Signale von grauen Zellen ab, die die Bewegung der Tiere steuern. Immer wenn die Tiere nach dem Futter griffen, wurden diese Neuronen aktiv. Dann hörten wir in unseren Messgeräten ein Knattern. Doch als ich einmal selbst den Arm nach den Nüssen ausstreckte, ging das Knattern ebenfalls los – als hätte sich der Affe bewegt. Aber der sah nur ruhig zu. Erst glaubten wir natürlich an einen Fehler. Nach einer Weile begriffen wir, dass sich das Gehirn des Affen tatsächlich so verhielt, als versetzte es sich in den Kopf des Versuchsleiters hinein. Wenn das Tier die Bewegung eines anderen beobachtet, spiegeln diese Neuronen also das Verhalten des Gegenübers. Darum nannten wir sie Spiegelneuronen.

Klein: Dasselbe geschieht in meinem Kopf, wenn Sie jetzt nach Ihrer Kaffeetasse greifen: Ein Teil meines Gehirns schwingt sozusagen mit dem Ihren im Gleichtakt.

Gallese: So ist es. Erst vor wenigen Wochen hat ein Kollege aus Los Angeles über Spiegelneuronen bei Menschen berichtet. Bis dahin hatten wir nur indirekte Hinweise darauf, dass es sie gibt.

Klein: Womit endlich die letzten Zweifel über die Gründe für den Erfolg der Sportschau ausgeräumt wären. Millionen auf dem Wohnzimmersofa sehen Ronaldo nicht nur bei seinen Aktionen zu – sie sind Ronaldo!

Gallese: Jedenfalls so lange, bis er wieder vom Bildschirm verschwindet. Nur ist die Resonanz nicht bei allen gleich stark. Bei einem Amateurfußballer, der die gesehenen Bewegungen selber beherrscht, werden die Spiegelneuronen viel stärker aktiviert als bei einem Zuschauer, der sein Sofa niemals verlässt.

Klein: Wenn nun mein Gehirn fremde Bewegungen so genau nachvollzieht, warum führe ich sie dann nicht aus? Was hält mich im Sessel, während Ronaldo aufs Tor stürmt?

Gallese: Die Befehlskette im Kopf wird auf einer späteren Stufe blockiert. Aber oft lockert sich diese Hemmung – dann spiegeln Menschen spontan ihr Gegenüber. Fußballfans springen auf, wenn sie Gleichgesinnte im Stadion dasselbe tun sehen.

Klein: Lachen und Gähnen stecken bekanntlich an…

Gallese: …und bei Menschen, die unter einer Krankheit namens Echopraxie leiden, funktioniert die Hemmung überhaupt nicht. Sie müssen zwanghaft alles nachmachen, was ihr Gegenüber tut. Ein französischer Kollege beschrieb, wie er in Begleitung eines solchen Patienten ans Geländer eines Krankenhausbalkons trat, die Hose öffnete und hinunterpinkelte. Der arme Mann konnte gar nicht anders, als sofort dasselbe zu tun.

Klein: Da durch bloßes Zusehen die richtigen Impulse in meinem Gehirn ausgelöst werden, scheint ein solcher Mechanismus wie dafür gemacht, dass wir uns neues Verhalten aneignen – indem wir es von anderen kopieren.

Gallese: Kein Geschöpf imitiert so viel und so mühelos wie der Mensch. Entsprechend haben wir weit mehr Spiegelneuronen als alle anderen Tiere. Ein Schimpanse muss fünf Jahre lang zusehen, bis er selbst eine Nuss aufbrechen kann, indem er einen Stein als Hammer und einen anderen als Amboss gebraucht. Ein Kleinkind lernt das in ein paar Minuten.

Klein: Vielleicht sollte ich weniger trainieren, sondern einfach nur öfter dem Deutschen Meister zusehen, um meine Technik im Rennruderboot zu verbessern.

Gallese: Besser noch: Sie werden sogar kräftiger, allein indem Sie die Bewegungen eines anderen verfolgen. Das haben vor Kurzem zwei Versuchsreihen gezeigt, eine davon mit japanischen Gewichthebern. Versuchspersonen, die Sportvideos sahen, aber nicht trainierten, konnten nach einer Weile mit den entsprechenden Muskeln deutlich mehr Kraft ausüben als vorher. Vermutlich liegt es daran, dass das Gehirn lernt, das Zusammenziehen der Muskeln effektiver zu steuern.

Klein: Da fragt man sich, weshalb Menschen sich überhaupt im Fitnessstudio quälen. Worauf genau sprechen die Spiegelneuronen eigentlich an? Müssen wir die Bewegungen eines anderen unbedingt sehen?

Gallese: Nein. In unseren Versuchen wurden sie auch dann aktiv, wenn wir, für die Affen unsichtbar, nach einem Gegenstand griffen. Die Tiere konnten uns nur hören.

Klein: Dies finde ich mehr als erstaunlich: Offenbar spiegelten sich im Gehirn der Tiere gar nicht Bewegungen, sondern die Absichten des anderen.

Gallese: Ihre Spiegelneuronen erkennen sogar, warum ich eine bestimmte Absicht verfolge. Je nachdem, ob ich zur Tasse greife, um zu trinken oder um den Tisch aufzuräumen, werden bei Ihnen andere Neuronen aktiv. Auch das haben wir in Experimenten gezeigt.

Klein: Wir haben Neuronen, die Gedanken lesen. Wie können einzelne graue Zellen so schlau sein?

Gallese: Sie empfangen Informationen von vielen anderen Zentren im Gehirn – im Fall der Kaffeetasse etwa darüber, ob sie schon leer ist. Und mit Spiegelneuronen für das Benehmen am Frühstückstisch kommen Sie auch nicht auf die Welt. Das System hat gelernt, was die Menschen in Ihrer Umgebung so tun.

Klein: Und dann begreifen wir es, ohne dass wir weiter darüber nachdenken müssen.

Gallese: Genau. Wir empfinden die Absichten unseres Gegenübers, als ob es die eigenen wären. Die Psychologen haben sich da gründlich getäuscht. Nach herrschender Meinung nämlich muss ich erst mich selber verstehen, bevor ich Ihre Absichten begreifen kann. Aber so ist es nicht: In den meisten Fällen brauche ich gar keine Theorie über Geisteszustände, weder über meine noch über Ihre. Denn der Mechanismus der Spiegelneuronen bietet uns einen direkten Zugang in die Innenwelt der anderen. Nur Autisten sind zu dem Umweg gezwungen, dass sie immer erst über den anderen Menschen nachdenken müssen.

Klein: Was unterscheidet Autisten von anderen Menschen?

Gallese: Sie können sich nicht einfühlen. Darum müssen sie stets überlegen, was in ihrem Gegenüber wohl vorgehen mag – das ist anstrengend und geht allzu oft schief. Wir haben Hinweise darauf, dass bei Autisten der Spiegelmechanismus gestört ist. Wenn ein gesundes Kind Ihnen etwa zusieht, wie Sie Erdbeeren essen, wird automatisch auch bei ihm jedes Mal die Mundmuskulatur aktiviert, sobald sich eine Frucht Ihrem Gesicht nähert. Bei einem autistischen Kind ist das nicht so. Folglich haben solche Kinder auch ungewöhnliche Schwierigkeiten damit, Bewegungsabläufe zu lernen.

Klein: Kann man Einfühlungsvermögen trainieren?

Gallese: Ein Schlüssel dazu liegt wahrscheinlich im Verbessern des Körperempfindens. Wir versuchen gerade herauszufinden, ob man Menschen mit autistischen Störungen so helfen kann: Tanzen, Schauspielen, auch Musikmachen könnten dazu beitragen, dass sich die motorischen Fähigkeiten und damit auch das Einfühlungsvermögen verbessern. Zudem haben wir gerade Experimente begonnen, um zu erfahren, wie es bei Autisten um den Sinn für Berührungen steht.

Klein: In den ersten Veröffentlichungen über Spiegelneuronen ist nur von Bewegungen und Absichten die Rede. Kürzlich gelang Ihnen eine neue Entdeckung: Auch fremde Empfindungen spielt das Gehirn nach. Wenn ich sehe, wie jemand gestreichelt wird, kommt es in meinem Kopf zu Aktivität, als empfinge ich selbst die Massage.

Gallese: Ja, denn beim Menschen sind auch die Hirnareale, die für Berührung zuständig sind, mit Spiegelneuronen versehen.

Klein: Und genauso reagieren die Teile des Gehirns, die die Schmerzempfindung erzeugen. »Mitleid« ist wörtlich zu nehmen.

Gallese: Nicht ganz. Ihre Systeme für Schmerz springen zwar an, wenn Sie mich etwa im Zahnarztstuhl sehen, und wahrscheinlich verzieht sich auch Ihr Gesicht, wenn sich der Bohrer meinem Mund nähert. Aber Ihr Gehirn empfängt keine Schmerzsignale aus dem eigenen Körper. Daraus schließt es, dass es mein und nicht Ihr Problem ist – die Empfindung wird gedämpft.

Die Entdeckung des Mitgefühls

Klein: Es gibt einen Unterschied zwischen Einfühlung und Mitgefühl: Ich kann sozusagen in Ihre Haut schlüpfen, muss aber paradoxerweise trotzdem nicht alle Ihre Empfindungen teilen. Das ist Einfühlung. Mitgefühl habe ich, wenn ich auch noch Ihre Gefühle erlebe.

Gallese: Der deutsche Begriff "Einfühlung" trifft es sehr gut. Denn entscheidend ist, dass Sie sich intuitiv und eben nicht gedanklich in mich hineinversetzen – auch wenn das eigentliche Gefühl bei Ihnen kaum ausgelöst wird. Das geschieht tatsächlich erst in der nächsten Stufe, wenn Sie "Mitgefühl" haben – Mitleid zum Beispiel. Aber dazu kommt es viel seltener.

Klein: Wenn Empathie – Einfühlung in andere – ein Automatismus des Gehirns ist, muss es eine hohe Schwelle für das Mitgefühl geben. Sonst würden wir alles Leid, das wir beobachten, sofort selber empfinden. Die unendlichen Grausamkeiten der Geschichte hätte es dann niemals gegeben. Chirurgen und Zahnärzte allerdings auch nicht.

Gallese: Tatsächlich können Sie Empathie und Mitgefühl völlig voneinander entkoppeln. Denken Sie nur an einen Sadisten, der Lust erlebt, gerade weil er sich in das Leid seines Opfers einfühlen kann.

Klein: Wovon hängt es ab, ob aus Einfühlung Mitgefühl wird?

Gallese: Das ist die entscheidende Frage. Wir wissen noch sehr wenig darüber.

Klein: Mütter berichten oft, sie würden Kinderschmerzen als die eigenen erfahren.

Gallese: Kollegen in Rom haben gerade gezeigt, dass bei stillenden Müttern die Hirnsysteme für Schmerz besonders stark auf Videos von schreienden Säuglingen ansprechen. Noch höher aber ist diese Aktivität, wenn man ihnen das eigene Kind zeigt. Und nur in diesem Fall treten bei der Mutter gleichzeitig auch die Hirnareale in Aktion, die Bewegungen kontrollieren. Offensichtlich machen sich die Frauen, noch bevor sie selber es merken, bereit, Hilfe zu leisten.

Klein: Gibt es Menschen, die von Natur aus mitfühlender sind?

Gallese: Sicherlich. Es hängt vermutlich damit zusammen, wie stark eine Person die Mimik anderer spiegelt. Aus den Bewegungen der Gesichtsmuskeln nämlich konstruiert das Gehirn eine Empfindung. Wenn sich die Augenwinkel und der Mund zu einem echten Lächeln verziehen, steigt die Stimmung; machen wir hingegen eine traurige Miene, so sinkt sie. In Experimenten stellte sich nun heraus, dass Menschen, die unbewusst den Ausdruck eines anderen Gesichts stärker übernehmen, zugleich auch mitfühlender sind.

Klein: Das sind dann die, die in Vom Winde verweht am Ende mit Leslie Howard in Tränen ausbrechen.

Gallese: Ja.

Klein: Sonderbarerweise suchen wir solche Erfahrungen. Wir wollen doch, dass ein Film oder ein Theaterstück uns rühren. Warum?

Gallese: Möglicherweise tut es uns gelegentlich gut, andere leiden zu sehen. Kennen Sie den französischen Religionsphilosophen René Girard? Er argumentierte, Schauspieler würden auf der Bühne symbolisch geopfert. So entlade die Gesellschaft ihre ständig vorhandene Gewaltbereitschaft auf harmlose Weise. Ich glaube, diese Theorie hat viel für sich.

Klein: Sie meinen, Tristan und Isolde gehen in den Liebestod, damit ich den unvermeidlichen Ärger in meiner Ehe besser ertrage?

Gallese: Eine fantastische Oper! Obwohl sie nicht von Verdi ist. Ich habe sie in Tokyo gesehen, mit René Kollo in der Titelrolle.

Klein: Aber mindestens so stark wie das Entladen der Aggressionen ist doch der gegenteilige Effekt. Wenn Menschen Gewalt sehen, steckt sie das an. Einige Wissenschaftler behaupten, gerade Jugendliche würden die Verbrechen imitieren, die brutale Filme und Videospiele ihnen vormachen.

Gallese: Ich wäre da skeptisch. Denn ich kenne keine einzige Studie, die einen Zusammenhang zwischen unserer angeborenen Imitationsgabe, Mediengewalt und Brutalität im realen Leben wirklich beweist. Nach meiner Meinung wirken Horrorspiele und Filme ganz anders: Sie gewöhnen Menschen an den Anblick von Grausamkeit. Gewalt wird banal und erscheint irgendwann sogar annehmbar, um Konflikte zu lösen. Man sollte aber auch dazu sagen, dass noch nie in der Geschichte so viele Menschen so friedlich zusammengelebt haben wie heute. Die meisten Epochen waren viel brutaler, ganz ohne Videospiele. Da gibt es Entwicklungen, die mir mehr Kopfzerbrechen bereiten.

Klein: Welche?

Gallese: Das Vordringen der virtuellen Welt. Wir kommunizieren immer mehr über Telefon und Computer; Gemeinschaften, in denen sich Menschen leibhaftig begegnen, lösen sich zunehmend auf. Nun wissen wir aus unseren Experimenten, dass es für das Einfühlungsvermögen keineswegs gleichgültig ist, ob Sie einen anderen Menschen nur auf einem Monitor sehen oder ihm Auge in Auge gegenüberstehen. Darum ist ein Theatererlebnis oft stärker als ein Kinobesuch. Und wenn Sie sich mit Ihren Gesprächspartnern nur noch per E-Mail oder im Chat austauschen, löst sich Ihr Bild von ihnen vollständig auf.

Klein: Wir entkörperlichen die Menschen, mit denen wir Umgang pflegen.

Gallese: Ja. Und das muss starke Auswirkungen auf unsere sozialen und geistigen Fähigkeiten haben. Wir wissen nur noch nicht, welche. Auf jeden Fall hat sich der soziale Verstand während der Evolution für direkte, nicht für virtuelle Begegnungen ausgeprägt.

Klein: Sie selbst profitieren doch davon, dass Sie heute über das Internet mit Kollegen in Japan fast so zusammenarbeiten können, als säßen die nebenan. Ohnehin wird sich die Entwicklung der Technik kaum aufhalten lassen.

Gallese: Das will ich auch nicht. Allerdings würde unser Gespräch sicher ganz anders verlaufen, würden wir am Telefon reden, statt uns hier in Parma gegenüberzusitzen. Wenn sich also die elektronische Kommunikation immer weiter verbreitet, werden wir vermutlich auch ganz neue Formen des Umgangs miteinander finden müssen. Ein kleiner Fortschritt wären immerhin Videotelefone.

Klein: Ohne ein Bild vom Körper des anderen zu sehen, kann es keine Einfühlung geben – jedenfalls nicht, wenn man es mit dem "Fühlen" ernst meint.

Gallese: Nein. Sie können sich dann nur in andere hineinzudenken versuchen, so ähnlich, wie Autisten es tun. Aber dieser Weg ist sehr viel komplizierter, und vor allem machen Sie jede Menge Fehler. Darum suchen wir die Nähe von Menschen, die uns ohne lange Erklärungen verstehen – indem sie uns einfach nur ansehen.

Klein: So kann es zwischen Menschen, die sonst kaum Interessen teilen, die besten Freundschaften geben…

Gallese: …weil andere Übereinstimmungen viel entscheidender sind. »Den anderen verstehen, das heißt, sein Gefühl in uns zu erzeugen«, schrieb Friedrich Nietzsche zu Recht. Wenn zwei Menschen das nicht können, scheitern selbst Ehen zwischen Partnern, die wie gemacht füreinander scheinen.

Klein: Ich kenne keinen Neurowissenschaftler, der so begeistert wie Sie Denker wie Nietzsche, Husserl und selbst Heidegger zitiert. Was gibt Ihnen die Philosophie?

Gallese: Viele Kollegen sehen philosophische Gedanken als eine Art Dreingabe, die dazu dient, ihre Forschung der Öffentlichkeit schmackhafter zu machen. Das ist in Ordnung, sofern sie sich mit Problemen sehr weit entfernt vom menschlichen Erleben befassen – etwa damit, wie Ionenkanäle elektrische Signale zwischen Neuronen übertragen. Untersuchen sie aber Phänomene wie Einfühlung oder gar das Bewusstsein, können sie die Philosophie nicht mehr wie die Dekorationskirsche auf dem Kuchen ihrer Forschung behandeln. Denn hier ist das, was sie erforschen, von ihrer persönlichen Weltsicht gar nicht zu trennen. Es ist also von vorneherein viel schwerer, die richtigen Fragen zu stellen. Und dabei hilft die systematische Herangehensweise der Philosophen enorm.

Klein: In 2500 Jahren Philosophiegeschichte wurden alle großen Fragen der menschlichen Existenz schon viele Male gestellt. Der Wissenschaftler muss also nur die Formulierung finden, die für seine Forschung die treffendste ist?

Gallese: Ganz so einfach ist es nicht. Eher schafft man sich eine maßgeschneiderte Philosophie. Man sucht sich die Denker heraus, deren Ideen man für die eigenen Experimente als besonders anregend findet. Für mich sind das zum Beispiel die Phänomenologen um Edmund Husserl…

Klein: …den österreichischen Mathematiker und Philosophen, der sich an der Wende zum 20. Jahrhundert intensiv mit der Körperlichkeit aller Gegenstände der Erkenntnis befasste.

Gallese: Und dann ist die Befruchtung der Naturwissenschaft durch die Philosophie auch keine Einbahnstraße. Unsere Forschung führt dazu, dass die Philosophen ihrerseits neue Fragen stellen, und so geht es immer weiter.

Klein: Was kann die Philosophie von der Neurowissenschaft über Empathie lernen?

Gallese: Dass man sich den menschlichen Geist ohne Körper noch nicht einmal vorstellen kann.

Klein: Damit widersprechen Sie einem Bild, das seit dem Siegeszug der Computer vielen fast schon selbstverständlich erscheint: Der menschliche Geist funktioniert wie ein Computer, sein Charakter und seine Erinnerungen sind nur ein riesiger Datensatz. Wenn es so wäre, könnte man all die Informationen, die Ihre Persönlichkeit ausmachen, theoretisch auf einen Superrechner übertragen. Sie lebten dann gewissermaßen auf dem Siliziumchip weiter.

Gallese: Völliger Unsinn. Denn wie wir heute wissen, beruht unser gesamtes Denken und Fühlen darauf, dass wir die Körper anderer Menschen beobachten, dass wir Dinge anfassen und sie manipulieren. Auch häufen sich die Hinweise darauf, dass wir solchen motorischen Fertigkeiten sogar das Sprachvermögen verdanken. Unser Geist existiert nur in der körperlichen Welt.

Klein: Und ist dadurch hoffnungslos sterblich.

Gallese: Gewiss. Doch indem wir weitreichende Ziele verfolgen, machen wir uns diese Aussicht erträglich. Als der Kaiser von China den Bau der Großen Mauer befahl, wusste er genau, dass er die Fertigstellung nie erleben würde. Trotzdem verwendete er auf dieses Unternehmen all seine Kraft. Denn in den Gehirnen späterer Generationen leben wir fort. Auch das ist eine Art Resonanz. Dank ihr konnte die Menschheit die Kultur schaffen und sich aus Zwängen der biologischen Evolution befreien.

Klein: Den wenigsten Menschen ist es vergönnt, die Große Mauer zu planen oder, wie Verdi, 26 Opern zu schreiben.

Gallese: Kommt es darauf an? Auch wenn ein Mensch nur ein wenig Wissen weitererzählt, leistet er einen Betrag zu dieser Kultur, welche die Sterblichkeit überwindet. Aber vielleicht muss man wie ich als Italiener bei jedem Schritt auf Spuren der Vergangenheit stoßen, um so zu empfinden.

Stefan Klein ist promovierter Biophysiker. Der 42-Jährige hat die Bestseller "Die Glücksformel" und "Zeit. Der Stoff, aus dem das Leben ist" geschrieben. Klein führt für das ZEITmagazin regelmäßig Gespräche mit Wissenschaftlern: Über die großen Fragen, auf die wir keine letzten Antworten haben. Erschienen sind bisher "Schönheit" (Folge 1) und "Schmerz" (Folge 2).