Kein Zweifel, der Mann am Rednerpult der hessischen Landesvertretung in Berlin hat Großes vor: "Wir reden hier darüber, ob in der Politik ein Paradigmenwechsel gelingen kann", sagt er. Es geht "um eine einschneidende Zäsur", den Versuch, "einen Schlussstrich zu ziehen", um eine "Quadratur des Kreises". – Nein, Roland Koch spricht nicht über den schwierigen Neustart seiner angeschlagenen politischen Karriere. Sein Vortrag handelt von der Gesundung der deutschen Staatsfinanzen.

Dabei fällt es schwer, drei Monate nach dem hessischen Wahldesaster bei Worten wie Schlussstrich und Paradigmenwechsel nicht den hessischen Ministerpräsidenten selbst im Blick zu haben. Nichts braucht der ja dringender als den Neubeginn. Und ob er den schaffen kann, wird sich auch am kommenden Wochenende zeigen, wenn er auf dem Parteitag der CDU Hessen erneut für den Parteivorsitz kandidiert.

Noch vor wenigen Monaten führte er einen Wahlkampf, wie man ihn hierzulande nicht mehr für möglich gehalten hatte: eine Kampagne über "kriminelle Ausländer", die alle Ressentiments bediente, und gepfefferter Antikommunismus, assoziativ verbunden mit den nicht deutsch klingenden Namen seiner politischen Gegner. Wieder hatte sich Roland Koch als Aufrührer der Politik in Erinnerung gebracht. Doch diesmal hat ihm das eine so gewaltige Niederlage eingetragen, dass darin für einen Moment schon sein politisches Ende aufblitzte.

"Es ist bitterer Schaden entstanden", lautet heute sein Fazit. Koch ist angeschlagen, er durchlebt eine politische Midlife-Crisis, die sich gewaschen hat. Die Rückkehr zu den politischen Sachthemen, das weite Feld zwischen Konsolidierung der Staatsfinanzen und seiner Unterstützung des Dalai Lama ist Teil einer Therapie. Anfang April, auf dem Empfang zu seinem 50. Geburtstag, hat er versprochen, er wolle "die Dinge wieder in Ordnung bringen".

Hessische Aufräumarbeiten: Das Land soll wieder eine richtige Regierung bekommen, die CDU ihre Dominanz zurückgewinnen. Und dann soll natürlich auch Kochs politisch-persönliches Desaster, seine beispiellose Selbstdemontage behoben werden. "Die Situation seit der Wahl hat durchaus leidvolle Aspekte", bekennt er. "Ich musste das alles auch für mich selbst neu sortieren. Darauf hätte ich gerne verzichtet."

Anfangs, nach dem Wahltag, dem 27. Januar 2008, war nicht einmal klar, ob er selbst noch für diesen Sanierungsauftrag infrage käme. "Es wäre ja ignorant, in einer solchen Situation nicht darüber nachzudenken, etwas völlig anderes zu machen", erinnert Koch den Absturz als Augenblick der Freiheit – um dann doch beizudrehen: "Wenn man dann von der eigenen Mannschaft gebeten wird, dass man weiter die Verantwortung übernimmt, wäre es unfair, das abzulehnen." So bleibt der Anwaltsschreibtisch, den Koch bereits in früheren Krisen als Symbol seiner inneren Unabhängigkeit herbeizitiert hat, auch diesmal wieder leer.

Was wiegt schwerer: die persönliche Beschädigung des geschlagenen Kampagnenpolitikers oder sein Potenzial, den Schaden zu heilen? Für die hessische CDU war das zu keinem Zeitpunkt eine ernsthafte Frage. Wie damals im Januar 2000, als Kochs Verwicklung in die Finanzaffäre seine Partei erst vollends in die Krise stürzte. Er bleibt die fixe Größe der Hessen-CDU. Ihren Ruf als politischer "Kampfverband" hat sie in den Monaten seit der Niederlage voll bestätigt: Kein Streit, keine Klagen. Von den langen und intensiven Nachwahldebatten, die es, wenn man Teilnehmern glauben darf, gegeben haben soll, ist nichts nach außen gedrungen.